Schmerzgedächtnis, Muskelatrophie & Co: Nervenschädigungen und ihre Folgen

Alles, was wir sehen, hören, schmecken, fühlen oder riechen, wird von Nerven ins Gehirn geleitet und dort verarbeitet. Und alles, was der Körper von sich aus leistet, wird von Nerven an die ausführenden Körperareale übertragen, zum Beispiel an die Muskeln und die inneren Organe.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass bei Nervenschädigungen nicht nur Schmerzen, sondern die unterschiedlichsten Symptome auftreten können, vom Schmerzgedächtnis über die Muskelatrophie bis hin zu Sensibilitätsstörungen.

Frau lässt die Folgen einen Nervenschädigung behandeln

Ursachen von Nervenschädigungen

Es gibt mehr als 100 Ursachen von Nervenschädigungen, die häufigsten sind:

  • mechanische Schädigungen (Druck, Quetschung, Hitze, Verletzung)
  • Durchblutungsstörungen
  • Stoffwechselerkrankungen, zum Beispiel Diabetes (diabetische Neuropathie)
  • Autoimmunerkrankungen (Multiple Sklerose, Myasthenia gravis)
  • Krebs
  • Nervengifte (zum Beispiel Alkoholmissbrauch, Quecksilber)
  • Infektionskrankheiten (zum Beispiel Borreliose, HIV, Hepatitis C)

Sie alle können dazu beitragen, dass sich eine Nervenschädigung ausbildet. Wie stark ausgeprägt sie ist und wo sie genau entsteht, hängt maßgeblich von Art und Schwere des zugrundeliegenden Auslösers ab.

Folgen einer Nervenschädigung

Genauso vielfältig wie die Ursachen können die Folgen einer Nervenschädigung sein – denn unsere Nerven erfüllen unzählige Aufgaben im Körper.

Letzten Endes sind ein Schmerzgedächtnis, Sensibilitätsstörungen und sogar Muskelatrophie, also die Zurückbildung der Muskulatur, ebenso wie viele weitere Auswirkungen auf das Nervensystem und den gesamten Körper möglich.

Einteilung des Nervensystems

Das Nervensystem lässt sich anatomisch in folgende Untersysteme einteilen:

  • Das Zentralnervensystem (ZNS)
    bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Es fungiert als Schaltzentrale für den gesamten Körper.
  • Das periphere Nervensystem, bei dem wiederum zwei Bereiche unterschieden werden:
  • das somatische Nervensystem
    Es steuert die willkürlichen Körperreaktionen, hauptsächlich die Skelettmuskeln
  • das autonome (oder vegetative) Nervensystem
    Dieses können wir willentlich nicht beeinflussen. Es kontrolliert zum Beispiel die inneren Organe, Herz, Blutgefäße, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, und besteht aus den beiden antagonistischen (gegensätzlich wirkenden) Anteilen Sympathikus und Parasympathikus.

Je nachdem, welche Nerven geschädigt sind, kann das zu den unterschiedlichsten Symptomen und Ausfallerscheinungen führen. Sehen wir uns einige Möglichkeiten an.

Nervenschmerzen oder Neuralgien

Schmerzen entstehen normalerweise dadurch, dass spezialisierte Schmerzrezeptoren gereizt werden. Sie sind fast überall in der Haut und in den Organen (außer dem Gehirn) verteilt.

Im Gegensatz dazu entstehen Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen, Neuralgien) in direkter Folge einer Schädigung der „Gefühlsfasern“ des Nervensystems.

Durch die Nervenschädigung wird die sogenannte Schmerzbahn aktiviert, wodurch der Schmerz erst wahrgenommen wird, und zwar als „brennend“, „bohrend“ oder „stechend“.
Nervenschmerzen können durch verschiedene Nervenschädigungen auftreten. Häufige Auslöser sind zum Beispiel:

  • Bandscheibenvorfall, also ein Einklemmen von Nerven, die aus dem Rückenmark austreten
  • Diabetes (Zuckerkrankheit), bei der durch den permanent erhöhten Blutzuckerspiegel viele Nerven geschädigt werden können.
  • Auch Infektionskrankheiten, wie die Gürtelrose (Herpes Zoster), können eine Neuralgie verursachen. Hier entsteht der Schmerz – teilweise noch Wochen und Monate nach Abklingen der Gürtelrose – durch die Aktivierung der Viren, die in den Hirnnerven und den Nervenwurzeln des Rückenmarks verblieben sind.
  • Nervenschädigungen oder –durchtrennungen bei Unfällen oder Operationen ziehen ebenfalls häufig Nervenschmerzen nach sich.

Chronische Schmerzen – das Schmerzgedächtnis

Nervenschäden, die zu chronischen Schmerzen führen, können Spuren im Zentralnervensystem hinterlassen, das Schmerzgedächtnis. Die Empfindlichkeit für Schmerzreize ist dann so erhöht, dass der Schmerz schon bei geringer Ursache oder ganz spontan auftreten kann.

Die physiologischen Veränderungen sind dabei ganz ähnlich wie beim Lernen. Wie beim „normalen“ Gedächtnis lernt das Gehirn auch beim Schmerzgedächtnis, einen bestimmten Reiz immer mit einer bestimmten Reaktion zu verbinden, in diesem Fall mit Schmerz.

Gibt es Mittel gegen das Schmerzgedächtnis?

Durch lokale Betäubungsmittel kann man die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses eventuell verhindern. Ist es jedoch einmal etabliert, lässt sich das Schmerzgedächtnis durch Medikamente nicht mehr löschen. Manchmal helfen sogenannte Gegenirritationsverfahren, wie die transkutane Elektro-Neurostimulation (TENS) oder die Elektroakupunktur.

Bei beiden Verfahren setzt man elektrische „Gegenreize“. Sie sollen das Schmerzgedächtnis aufheben und die gesteigerte Sensibilität des schmerzempfindlichen Systems wieder normalisieren. Dazu möchten Sie mehr wissen? Lesen Sie unseren Artikel zur Therapie der neuropathischen Schmerzen.

Lähmungen

Sind motorische Nerven, also die Nerven, welche die Muskeln innervieren, von der Schädigung betroffen, können folgende Symptome auftreten:

  • Muskelschwäche
    Unter einer Muskelschwäche (Myasthenie) versteht man eine ungewöhnlich rasche Ermüdung beziehungsweise Schwächung von Muskeln unter Belastung. Sie kann durch verschiedene Erkrankungen verursacht sein, zum Beispiel durch die Myasthenia gravis oder die Multiple Sklerose.
  • Faszikulationen
    Das sind unwillkürliche, in manchen Fällen durch die Haut hindurch sichtbare Muskelzuckungen, die jedoch auch bei völlig gesunden Menschen auftreten können.
  • Lähmungen
    Wird der motorische Nerv so geschädigt, dass überhaupt keine Signalübertragung zum Muskel mehr stattfindet, kann der Muskel keine willentlichen Kontraktionen mehr ausführen. Er ist gelähmt. Langfristig führt das zu einer

Die Muskelatrophie – wenn der Muskel verkümmert

Unter einer Muskelatrophie (Muskelverkümmerung) versteht man die Abnahme des Muskelumfangs. Verantwortlich dafür ist entweder, dass die Anzahl der Muskelzellen geringer wird oder dass das Volumen der Muskelfasern abnimmt. Man kennt mehrere Gründe, die eine Muskelatrophie auslösen können, nämlich:

  • Unterernährung
  • Störungen des Muskelstoffwechsels
  • Muskelatrophie im Alter und durch Änderung im Hormonhaushalt
  • Muskelatrophie bei längerfristiger Unterbeanspruchung des Muskels (Krankheit, Schwerelosigkeit bei Astronauten)
  • Muskelatrophie nach Nervenschädigung und durch neuromuskuläre Erkrankungen.
    Hier führen die fehlenden neuronalen Signale zu einer Inaktivität des Muskels und damit zur Muskelatrophie.

Sensibilitätsstörungen

Sensibilitätsstörungen sind auf einen teilweisen oder kompletten Ausfall der Nervenempfindlichkeit in bestimmten Bereichen des Körpers (hauptsächlich der Haut) zurückzuführen. Wir besitzen eine ganze Reihe von unterschiedlichen Sinnesorganen, die Reize aus der Umwelt wahrnehmen und an das Gehirn weiterleiten.

Dazu gehören nicht nur unsere Augen, Ohren und unser Geruchs-, Geschmacks und Gleichgewichtssinn. Vor allem in der Haut befinden sich zahllose Rezeptoren für verschiedene Sinnesmodalitäten, wie zum Beispiel

  • Temperatur,
  • Vibration und
  • Druck.

Schädigungen dieser Nerven können die jeweilige Reizwahrnehmung ganz ausschalten oder Sensibilitätsstörungen mit vielfältigen Symptomen auslösen, wie etwa Brennen, Kribbeln, Jucken oder „Ameisenlaufen“ auf der Haut sowie Gleichgewichtsstörungen und Taubheitsgefühle. Auch das Temperaturempfinden kann als Folge der Sensibilitätsstörung verstärkt oder vermindert sein.

Störungen der inneren Organe

Ist das vegetative Nervensystem geschädigt, kann die Kontrolle der inneren Organe, Gefäße und Drüsen gestört sein. Es können vielfältige Symptome auftreten, zum Beispiel:

  • Blasenschwäche
  • Herzrhythmusstörungen
  • Störungen des Verdauungstrakts (Verstopfung und Durchfall)
  • zu hohe oder zu geringe Schweißabsonderung
  • Potenzstörungen

Bei deutlichen Anzeichen unbedingt zum Arzt

Wenn Sie unter deutlichen und länger andauernden Sensibilitätsstörungen, Muskelatrophie oder Lähmungserscheinungen leiden, sollten Sie sich unbedingt ärztlich untersuchen lassen.

Oft sind die Symptome harmlos, sie können aber auch erste Anzeichen einer Erkrankung sein. Je früher das erkannt wird, desto früher kann eine gezielte Therapie einsetzen, was oft langfristige, dauerhafte Folgeschäden verhindert.