Karpaltunnelsyndrom: Symptome, Ursachen und Behandlung

September 5, 2019

14 Min.

Ein vorübergehendes Taubheitsgefühl am Morgen, Kribbeln und leichte Schmerzen in der Hand – das sind die ersten Anzeichen eines Karpaltunnelsyndroms. Betroffene sollten diese Beschwerden durchaus ernst nehmen. Denn bleibt das Syndrom langfristig unbehandelt, kann es zu schweren Einschränkungen im Alltag, wie beispielsweise Lähmungserscheinungen in der Hand, führen.

Mann ist aufgrund seines Karpaltunnelsyndroms beim Arzt.


Zu den Themen:

Auf einen Blick: Das Karpaltunnelsyndrom...

  • ... wird durch eine Einengung des mittleren Armnervs verursacht.
  • ... macht sich durch Einschlafen der Hände, Kribbeln und Taubheitsgefühl bemerkbar.
  • ... kann unter Umständen durch eine Überlastung des Handgelenks, genetische Veranlagung oder verschiedene Erkrankungen (zum Beispiel Diabetes mellitus oder Rheuma) entstehen.
  • ... sollte frühzeitig von einem Arzt untersucht werden.
  • ... ist oft mit Hilfe von Ruhigstellung, Medikamenten oder einem operativen Eingriff behandelbar.

Definition: Was ist das Karpaltunnelsyndrom?

Die rot gefärbten Bandscheiben liegen zwischen den Wirbelkörpern unserer Wirbelsäule.

Unter einem Karpaltunnelsyndrom verstehen Mediziner die Druckausübung auf den mittleren Handnerv (Nervus medianus) durch einen verengten Karpaltunnel. Der Karpaltunnel bezeichnet eine Art Kanal im Handgelenk, durch welchen verschiedene Sehnen und Nerven vom Arm aus in die Hand laufen. Er wird von unten über den Handwurzelknochen und von oben durch das Karpalband (auch Karpaldach genannt) begrenzt.

Zu den durch den Kanal laufenden Nerven zählt auch der mittlere Armnerv, der unter anderem an der Beweglichkeit und dem Tastvermögen der Hand beteiligt ist. Entsteht aus verschiedenen Gründen eine Verengung des Tunnels, kommt es zu einer Druckausübung und Reizung des mittleren Armnervs – was wiederum verschiedene Beschwerden, wie Taubheitsgefühl oder Schmerzen in der Hand, auslösen kann.


Gut zu wissen

Insgesamt sind etwa 10 Prozent der Bevölkerung von verschieden starken Ausprägungen des Syndroms betroffen.1

Symptome: Schmerzen im Handgelenk, Kribbeln und Co.

Zu den typischen Anfangssymptomen eines Karpaltunnelsyndroms gehören:

Generell können die Symptome eines Karpaltunnelsyndroms in ihrem Auftreten und ihrer Intensität variieren. Zunächst machen sie sich aber meist an Daumen, Zeige- und Mittelfinger bemerkbar, da der Nervus Medianus für deren Versorgung direkt zuständig ist. Besonders stark kommen die Beschwerden bei vielen Patienten nachts und am frühen Morgen vor. Der Grund dafür: In der Nacht knicken viele Menschen unbewusst das Handgelenk ab – der Druck auf den Karpaltunnel wird dadurch erhöht.

Die leichteren Symptome des Karpaltunnelsyndroms verschwinden meist zunächst wieder, wenn der Betroffene die Hand ausschüttelt. Bleibt die Verengung jedoch langfristig unbehandelt beziehungsweise bildet sie sich nicht zurück, verstärken sich die Probleme.

Folgende Leiden machen sich unter Umständen bemerkbar:

  • starke Schmerzen, die in den gesamten Arm und die Schultern ausstrahlen können
  • Sensibilitätsverlust der Finger und der Handfläche – es entsteht ein anhaltendes Taubheitsgefühl
  • eingeschränkte Beweglichkeit und Muskelschwund (vor allem des Daumens, da dessen Muskulatur durch den Nervus medianus gesteuert wird) bis hin zu Lähmungserscheinungen der Hand

Wird nun nicht gehandelt, kann der mittlere Armnerv im weiteren Verlauf dauerhaft geschädigt werden.


Aha!

In der Regel zeigen sich die Beschwerden des Karpaltunnelsyndroms zunächst nur an einer Hand. Häufig folgt dann jedoch mit etwas Abstand (zum Teil erst nach einigen Jahren) auch das zweite Handgelenk2.

Ob nur eine oder doch beide Hände betroffen sind, ist abhängig von den Ursachen des Syndroms – wird nur ein Handgelenk übermäßig belastet (was eine Verengung des Karpalkanals bewirkt), ist das andere Handgelenk möglicherweise vollkommen beschwerdefrei.

Ursachen: Wie kommt es zum Karpaltunnelsyndrom?

Folgende Ursachen kommen beispielsweise als Grund für eine Verengung des Karpaltunnels in Frage:

  • Wassereinlagerungen im Handgelenk: Diese werden oft durch Krankheiten wie Diabetes mellitus oder hormonelle Veränderungen (zum Beispiel in einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren) ausgelöst.
  • Verletzungen: Entstehen Blutungen im Gewebe, schwillt es möglicherweise an und verengt ebenfalls den Karpaltunnel. Solch ein durch Verletzungen begründetes Krankheitsbild wird traumatisches Karpaltunnelsyndrom genannt.
  • Entzündungen: Bei einer Entzündung im Gelenk kann es zum Anschwellen der Sehnenscheiden (eine Art Schutzhüllen, die die Sehnen umgeben) kommen, die ebenfalls im Karpaltunnel liegen und diesen dadurch womöglich verengen. Von Entzündungen der Gelenke sind vor allem Rheumapatienten betroffen – das ist auch der Grund dafür, weshalb diese Personengruppe besonders häufig unter dem Karpaltunnelsyndrom leidet.
  • Überlastungen des Handgelenks: Durch monotone und anhaltende Bewegungen der Hand können die Sehnenscheiden ebenfalls anschwellen und der dadurch verengte Karpalkanal verursacht Probleme. Beispiele für Belastungen, die die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms begünstigen, sind ständiges Tippen auf der Computertastatur, Putzarbeiten oder zum Beispiel das Bedienen eines Presslufthammers (das Handgelenk ist hierbei starker Vibration ausgesetzt).

Darüber hinaus können die Beschwerden durch eine angeborene anatomische Verengung des Karpaltunnels hervorgerufen werden.

Insgesamt sind Frauen drei- bis viermal häufiger vom Karpaltunnelsyndrom betroffen als Männer.1 Das liegt daran, dass es bei ihnen oft zu hormonell verursachten Wassereinlagerungen kommt und erblich bedingte Verengungen bei den sowieso schmaleren Handgelenken der Frau vermehrt auftreten.

Karpaltunnelsyndrom – die Diagnose durch den Mediziner


Scheuen Sie nicht den Gang zum Arzt!

Wer frühzeitig mit einem Karpaltunnelsyndrom zum Arzt geht, hat die besten Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Genau darin liegt allerdings das Problem: Viele Menschen gehen erst dann zum Doktor, wenn sie durch die Schädigung des Nervs bereits stark in ihrem Alltag eingeschränkt sind. Aus diesem Grund sollten Sie bei anhaltenden Schmerzen im Handgelenk zeitnah den Arzt aufsuchen.

Der richtige Ansprechpartner beim Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom ist zunächst der Hausarzt. Zu Beginn der Diagnose steht das Patientengespräch (Anamnese). Bei diesem lässt sich der Allgemeinmediziner die Symptome (Zeitpunkt des Auftretens, Dauer und Intensität) genau schildern. Anschließend kann ein Sensibilitätstest der Hand (zum Beispiel mit einem Wattebausch) oder ein Belastungstest durchgeführt werden, bei dem der Patient die Hand etwa für eine Minute in einer bestimmten Position halten muss.2

Verhärtet sich der Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom und sind die Symptome bereits stark ausgeprägt, verweist der Hausarzt in der Regel an einen Neurologen (Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems). Dieser kann zur gezielten Feststellung des Karpaltunnelsyndroms eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit durchführen.

Bei dieser Untersuchung klebt der Arzt zwei kleine Elektroden an verschiedene Hautstellen der Hand, die oberhalb des mittleren Armnervs liegen. Anschließend wird der Nerv durch eine leichte Stromgabe über die Elektroden stimuliert.

Liegt eine Einklemmung des Nervus medianus vor, ist die Nervenleitgeschwindigkeit im Vergleich zur Normalfunktion verlangsamt – der Mediziner kann das Karpaltunnelsyndrom eindeutig diagnostizieren. Für den Patienten ist diese Untersuchung nicht mit Schmerzen verbunden – eventuell verspürt er ein unangenehmes Kribbeln in der Hand.

Behandlungsmöglichkeiten: Was kann helfen?

Zur Behandlung eines Karpaltunnelsyndroms stehen verschiedene Optionen zur Verfügung. Generell sollte zunächst immer das schonendste Mittel (wie zum Beispiel Ruhigstellung) Vorrang haben. Erst wenn das nicht funktioniert, empfiehlt es sich, eine medikamentöse oder operative Therapie in Erwägung zu ziehen.

Konservative Methoden

Eine konservative Therapie ist vor allem bei Patienten mit erst seit kurzem und leicht auftretenden Symptomen erfolgsversprechend. Auch für Betroffene, deren Leiden durch eine Überlastung des Handgelenks ausgelöst wurde, ist eine Behandlung mit konservativen Mitteln häufig ausreichend. Folgende Maßnahmen zählen dazu:

  • Schonen des Handgelenks und vor allem Vermeiden von monotonen Belastungen, die möglicherweise die Ursache für die Beschwerden darstellen.
  • Nächtliches Ruhigstellen der Hand mittels einer speziellen, über Klettverschluss fixierbaren Schiene.
  • Glukokortikoid-Spritze (umgangssprachlich „Kortison“) durch den Arzt direkt in den Karpalkanal, sodass angeschwollene Sehnenscheiden wieder abschwellen.
  • Allgemeine Behandlung mit Kortison-Medikamenten zum Abklingen einer bestehenden Entzündung im Handgelenk.

Operativer Eingriff

Führt eine konservative Therapie des Karpaltunnelsyndroms nicht zu einer Besserung, sind die Symptome besonders stark ausgeprägt oder halten sie bereits lange an, kann eine OP zur Behandlung nötig sein.


Bei der OP:

Der Mediziner spaltet das Karpaldach, damit dort mehr Raum für den mittleren Armnerv entsteht. Hierfür durchtrennt er das Karpalband (Strang aus straffem Bindegewebe), welches sich oberhalb des Karpaltunnels spannt – der Nervus medianus wird dadurch von der vorherigen Einengung, die für die Entstehung von Beschwerden verantwortlich war, entlastet.

Bei der Behandlung des Karpaltunnelsyndroms nutzen Ärzte nicht selten die Option, „in Blutleere zu operieren“, um den Blutverlust möglichst zu minimieren und einen besseren Überblick zu erhalten. Dafür befestigen sie eine Druckmanschette am Oberarm des Betroffenen und pumpen diese auf, sodass während des Eingriffs kein weiteres Blut in die Hand fließt.

Bei der OP stehen dem Operateur zwei verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:

  • offene Technik
  • endoskopische Technik

Bei der endoskopischen Variante setzt der Chirurg einen nur etwa 2 Zentimeter großen Schnitt an der Handinnenfläche zwischen Daumenballen und Kleinfingerballen.3 Durch diese schmale Öffnung führt der Mediziner eine kleine Sonde mit Messer ein, mit welchem er dann das Karpalband durchtrennt. Der Vorteil dieser Operation liegt darin, dass die Wunde später als Narbe kaum sichtbar ist und auch nur selten Komplikationen auftreten.

Es gibt verschiedene Gründe (der Karpaltunnel ist beispielsweise anatomisch so verändert, dass eine Einführung der Sonde unmöglich ist), warum eine endoskopische Behandlung unter Umständen nicht durchführbar ist. In diesem Fall leitet der Mediziner eine offene OP ein. Bei dieser setzt er einen etwas größeren – circa 3 bis 5 Zentimeter langen – senkrechten Schnitt ebenfalls an der Handinnenfläche.3 Das Karpaldach wird dann durch diesen von oben durchtrennt.

Die Durchführung beider OP-Varianten ist ambulant oder stationär in einer Klink machbar. Zudem ist die Art der Betäubung nicht festgelegt: So kann der behandelnde Arzt, je nach Gesundheitszustand des Patienten, zwischen einer Vollnarkose (eher selten) oder einer lokalen Betäubung wählen.

Die operierte Hand muss nach dem chirurgischen Eingriff für etwa 7 bis 10 Tage mit einer Schiene oder einem festen Verband ruhiggestellt werden. Als Faustregel gilt: Die Hand soll bewegt, aber innerhalb der ersten 6 Wochen nicht stark belastet werden. Dabei zählt alles als eine Belastung, was das Anheben einer gefüllten Tasse übersteigt.4

Die durch den eingeklemmten Nerv ausgelösten Beschwerden bessern sich oft schon kurze Zeit nach der Operation. Bei bereits vorangegangener Taubheit in den Fingern, kann es aber mitunter auch mehrere Monate dauern, bis das Gefühl zurückkehrt.


Dauer der Krankschreibung

Nach erfolgreicher OP werden Patienten etwa für 3 bis 4 Wochen von ihrer Arbeit krankgeschrieben.5 Die Arbeitsunfähigkeit fällt jedoch möglicherweise auch kürzer oder länger aus – das ist abhängig von der Belastungsintensität der Hand im jeweiligen Beruf und dem individuellen Heilungsverlauf.

Karpaltunnelsyndrom: Wie kann ich es verhindern?

Grundsätzlich lässt sich die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms nur bedingt vermeiden. Viele Aspekte, wie zum Beispiel genetische Veranlagung, Erkrankungen oder Entzündungen im Handgelenk, sind für Sie nicht beeinflussbar. Jedoch können Sie versuchen, einer Überlastung der Handgelenke bestmöglich vorzubeugen.

Wenn Sie beispielsweise viel am Computer arbeiten, sind eine ergonomische PC-Tastatur und ein spezielles Mauspad in der Lage, das Handgelenk zu entlasten. Außerdem sollten Sie Ihren Händen bei anstrengenden Tätigkeiten ab und zu eine Pause gönnen: Schütteln Sie die Hände aus und dehnen Sie sie sanft, um die Muskulatur zu entspannen. Hilft das nicht und Sie bemerken Missempfindungen, wie Kribbeln oder Schmerzen in der Hand, suchen Sie baldmöglichst einen Arzt auf. Denn wird das Karpaltunnelsyndrom frühzeitig erkannt und behandelt, stehen die Chancen gut, dass die Symptome wieder vollständig verschwinden.

Pauline Zäh
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