Chiropraktik als alternative Hilfe bei Rückenschmerzen

Mai 12, 2017

9 Min.

Die Chiropraktik kann eine mögliche Maßnahme sein, wenn Gelenkblockaden die Ursache der Rückenschmerzen sind. Diese Methode soll helfen, durch gezielte Grifftechniken mit der Hand Funktionsstörungen des Bewegungsapparates zu behandeln, Schmerzen zu lindern und die normale Beweglichkeit (etwa der Wirbelsäule) wiederherzustellen. Doch was genau macht ein Chiropraktiker, wie läuft die Behandlung ab und wo sind die Grenzen des Verfahrens?

Frau lässt sich von einem Chiropraktiker am Nacken behandeln.

Übersicht:

Was ist ein Chiropraktiker und wie arbeitet er?

Chiropraktiker sind in der Regel Heilpraktiker, die eine Zusatzausbildung auf dem Gebiet der Chiropraktik absolviert haben. Im Gegensatz dazu sind sogenannte Chirotherapeuten studierte Ärzte, mit einer abgeschlossenen Fortbildung der Chirotherapie. Genau wie beispielsweise die Akupressur, zählt die Behandlungsmethode der Chiropraktik zu den alternativen Heilmethoden.

Der Begriff der Chiropraktik stammt aus dem Altgriechischen und ist zusammengesetzt aus den Wörtern „cheir“ (zu Deutsch: Hand) und „practos“ (zu Deutsch: anwenden, tun)1. Der Wortherkunft entsprechend werden hier in erster Linie spezielle Handgriffe und Techniken der Mobilisierung angewandt, um Blockaden in Gelenken zu lösen, die zu Schmerzen und einer verspannten Muskulatur führen. Die Ziele der Chiropraktik sind also

  • die Wiederherstellung der Beweglichkeit und Funktionalität von Muskeln oder Gelenken,
  • das Lindern und Beseitigen bestehender (Rücken-)Schmerzen und
  • das Verhindern einer Chronifizierung.

Die Techniken, die dabei zum Einsatz kommen, reichen von sogenannten Force-Anwendungen (manuelle Justierungen der Wirbelsäule mit gezielten Impulsen) über Non-Force-Behandlungen (impulsfrei, dafür aber mit Druck oder Zug) bis hin zu Techniken, die bestimmte Hilfsmittel erfordern. Zu diesen zählen beispielsweise kleine, elektronische, impulsgebende Apparate, die der Therapeut in der Hand hält oder auch diverse Instrumente aus Holz oder Metall, mit deren Hilfe Druck auf bestimmte Wirbelkörper ausgeübt wird. Häufig kommen auch spezielle Behandlungstische zum Einsatz, die es etwa ermöglichen, mit dem Körper bestimmte Beuge-, Streck- oder Rotationsbewegungen durchzuführen, die für die Behandlung hilfreich sind.

Eine verantwortungsbewusst ausgeführte chiropraktische Anwendung braucht Zeit und Geduld, da sich die meisten Blockaden nicht innerhalb einer Sitzung lösen lassen. Nach einem ausführlichen Vorgespräch erfolgt die genaue Untersuchung und erst im Anschluss daran die eigentliche Behandlung.

Zu erwähnen sei an dieser Stelle, dass die Methoden der Chiropraktik teils umstritten sind. Von manchen Medizinern wird davor gewarnt, sich in eine derartige Behandlung zu begeben, ohne Informationen zu Ausbildung und Erfahrungsstand des Chiropraktikers eingeholt zu haben. Bei unsachgemäßen Anwendungen — etwa im Bereich der Halswirbel — kann es in seltenen Fällen beispielsweise zu Schäden an der Halsschlagader oder zur Bildung von Blutgerinnseln kommen. Ein vertrauenswürdiger Chiropraktiker setzt Sie im Vorfeld über alle möglichen Risiken in Kenntnis.


Gut zu wissen!

Die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule sitzen idealerweise beweglich miteinander verbunden an ihrem Platz. Sind ihre Gelenke (etwa durch verspannte Muskulatur) blockiert, kommt es häufig zu Symptomen, die mit Chiropraktik behandelt werden können. Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, in welchem Bereich die Blockade lokalisiert ist.

Befindet sich diese im Bereich der Halswirbelsäule, kommt es nicht selten zu Kopf- oder Nackenschmerzen sowie Seh- oder Hörstörungen. Probleme im unteren Bereich der Wirbelsäule verursachen dagegen Rücken- und Hüftschmerzen.


Vor der Behandlung: Gespräch & Untersuchung

Im Vorgespräch erfragt der Chiropraktiker den Verlauf der Krankengeschichte des Patienten (Anamnese). Hier ist es für den Betroffenen wichtig zu erwähnen, wann Schmerzen auftreten und welche bestimmten Bewegungen oder Körperhaltungen zu Beschwerden führen.

Darüber hinaus werden vom Therapeuten nicht nur aktuelle Beschwerden thematisiert, sondern auch eventuelle frühere Erkrankungen, Unfälle oder Operationen mit einbezogen. Diese sind mitunter für die weitere Behandlung relevant. Aus den gesammelten Informationen erhält der Chiropraktiker einen Eindruck und kann im besten Fall bereits erste diagnostische Schlüsse ziehen.

Die daran anschließende Untersuchung dient als Basis einer erfolgversprechenden Chirotherapie. Hier überprüft der Therapeut in erster Linie die Beweglichkeit der Gelenke, indem er die Betroffenen bestimmt Bewegungen ausführen lässt oder die entsprechende Körperstelle oder Extremität manuell bewegt. Zu den weiteren Untersuchungsmethoden zählen unter anderem:

  • Ertasten von Verhärtungen der tieferen Rückenmuskulatur
  • Analyse der Körperhaltung und des Gangs
  • Diagnose der Wirbelsäule
  • Messung der Muskelkraft

Besonderes Augenmerk wurde bei den Untersuchungen in der Vergangenheit auf die sogenannte Subluxation gerichtet. Dieser Begriff bezeichnet eine Fehlstellung eines Wirbelkörpers in Bezug auf angrenzende Wirbel, die meist durch eine falsche Körperhaltung oder Bewegungsmangel herbeigeführt wird. In der modernen Chiropraktik stehen hauptsächlich nervliche Blockaden der Gelenke im Vordergrund.2 Bevor die chiropraktische Therapie beginnt, bespricht der Therapeut die Untersuchungsergebnisse und den Therapieverlauf mit dem Patienten.

Behandlung durch Justierung — der heilsame “Ruck”

Bei der eigentlichen Therapie — auch Justierung genannt — geht es in der Chiropraktik darum, die festgestellten Verspannungen und Blockaden an der Wirbelsäule sanft zu lösen. Der Chiropraktiker wirkt hauptsächlich mit seinen Händen und ohne viel Kraftaufwand auf das betroffene Wirbelgelenk ein.

Während der Behandlung erfühlt der Therapeut die blockierte Struktur. Dann erfolgt der sogenannte Probezug. Mit diesem wird getestet, ob sich Wirbel beziehungsweise Gelenk frei in die richtige Position bewegen lassen. Anschließend folgt der Impuls, der den betroffenen Bereich wieder in die korrekte Stellung bringen soll.

Zwar ist beim Lösen der Verspannung häufig ein Knacken zu hören, dies sagt jedoch wenig über die langfristige Wirksamkeit der Therapie aus. Viele Betroffenen berichten häufig von spontaner Erleichterung im Anschluss an die Behandlung. Je nach Ausprägung sind allerdings meist mehrere Sitzungen nötig, um die Beschwerden dauerhaft zu lindern.

Weitere alternative Heilmethoden:

Was tun nach der Behandlung?

Sind die Blockaden mit Hilfe der Chiropraktik vollständig beseitig, empfiehlt sich zum Beispiel eine Nachbehandlung mittels Krankengymnastik. Diese unterstützt die Gelenke und hilft dabei, erneuten Verspannungen und Fehlstellungen vorzubeugen. Außerdem dient sie zur Stabilisierung und Stärkung des gesamten Bewegungsapparates. Noch wichtiger ist jedoch regelmäßige aktive Bewegung in Form von sportlichen Aktivitäten, wie beispielsweise:

  • Rückentraining
  • längeres Gehen
  • Radfahren
  • sanftes Joggen
  • Schwimmen

Der Sport trainiert und stärkt die Rückenmuskulatur und fördert das allgemeine Wohlbefinden. Auch das Training zu Hause ist hierfür denkbar. Fragen Sie am besten Ihren Chiropraktiker oder Physiotherapeuten nach einfachen Übungen, die Sie selbstständig zu Hause durchführen können.

Wann kann Chiropraktik nicht helfen?

Vor allem bei

  • Knochenbrüchen,
  • Verformungen von Knochen und Gelenken,
  • Tumoren oder
  • akuten Infektionen (etwa der Wirbelsäule)

schließt man die Chiropraktik als primäre Behandlungsmethode aus. Gegebenenfalls kann sie jedoch als begleitende Maßnahme eingesetzt werden.

Eine Chirotherapie wirkt nur auf Beschwerden mit funktioneller Ursache (Blockaden oder Verspannungen) ein. Das bedeutet, wenn organische Veränderungen des Rückens, wie ein Bandscheibenvorfall oder Arthrose (Gelenkabnutzung) vorliegen, kann eine chiropraktische Behandlung — etwa aufgrund der Beanspruchung der Gelenke — unter Umständen sogar zu einer Verschlechterung der Symptome führen. Deshalb muss vor der Therapie abgeklärt werden, welche Ursachen den Schmerzen zugrunde liegen.


Wer übernimmt die Kosten?

Von Seiten der privaten Krankenkassen findet häufig eine Kostenübernahme der chiropraktischen Therapie statt. Gesetzlich Versicherte müssen für die Behandlung in der Regel selbst aufkommen. Aufgrund des anfänglichen und sehr zeitintensiven Anamnesegesprächs sind für die erste Sitzung Kosten von etwa 75 bis 95 Euro zu erwarten. Anschließende Termine werden nur noch mit circa 40 bis 55 Euro abgerechnet.3

Jan Zimmermann
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Medizinredakteur und Medienwissenschaftler
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