Diabetische Neuropathie – Ursachen, Symptome und Folgen

September 30, 2019

22 Min.

Diabetische Neuropathie ist der medizinische Fachbegriff für Nervenschädigungen, die aufgrund einer Diabetes-Erkrankung entstehen. Mögliche Anzeichen sind Schmerzen sowie Bewegungs- oder Gefühlsstörungen. Letzteres kann dazu führen, dass Betroffene kleinere Verletzungen nicht gleich bemerken. Besonders häufig tritt dies bei Diabetes-Patienten an den Füßen auf, weil drückende oder scheuernde Schuhe nicht wahrgenommen werden. Aber auch Nerven, die die inneren Organe steuern, sind manchmal betroffen. Eine vollständige Heilung ist derzeit noch nicht möglich, dennoch sollten Betroffene rechtzeitig einen Arzt aufsuchen, um Folgeschäden zu vermeiden.


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Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Der Begriff „diabetische Neuropathie“ umfasst Nervenerkrankungen, die mit Diabetes (Zuckerkrankheit) einhergehen.
  • Die Ursachen der diabetischen Neuropathie sind noch nicht endgültig geklärt. Die meisten Experten gehen davon aus, dass eine Verbindung zu dem hohen Blutzuckerspiegel bei Diabetikern besteht.
  • Die Symptome können sehr vielfältig sein, je nachdem, welche Nerven geschädigt sind. Am häufigsten findet man Neuropathie-Symptome an den Gliedmaßen, speziell am Fuß.
  • Für die Diagnose stehen dem Arzt verschiedene Methoden zur Verfügung. Diese Screening-Verfahren ermöglichen es in einigen Fällen sogar, eine diabetische Neuropathie zu diagnostizieren, bevor überhaupt konkrete Symptome auftreten.
  • Eine Heilung ist bisher nicht möglich, dem Arzt und Patienten bieten sich aber vielfältige Maßnahmen zur wirksamen Behandlung.
  • Definition: Was ist eine diabetische Neuropathie?

    Der Fachbegriff Neuropathie beschreibt eine Vielzahl von Erkrankungen und Störungen des peripheren Nervensystems (PNS), also des Teils, der außerhalb des Gehirns und Rückenmarks liegt. Unter einer diabetischen Neuropathie verstehen Mediziner dementsprechend eine spezifische Komplikation, die ausschließlich bei Menschen mit Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2) auftritt. Es wird davon ausgegangen, dass 8 bis 54 Prozent der Typ-1 und 13 bis 46 Prozent der Typ-2-Diabetiker von einer solchen Nervenschädigung betroffen sind.1 Da leichtere Formen der diabetischen Neuropathie häufig nicht vom Arzt erfasst werden, dürfte die Dunkelziffer noch deutlich höher liegen. Sind mehrere Nerven betroffen, sprechen Mediziner von einer diabetischen Polyneuropathie (poly = viele).3


    Exkurs: Was ist Diabetes mellitus?

    Es gibt zwei Arten von Diabetes, umgangssprachlich auch Zuckerkrankheit genannt:

    • Diabetes Typ 1 beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter und beruht auf einer Autoimmunreaktion gegen die Langerhans‘schen Inseln der Bauchspeicheldrüse, den Produzenten von Insulin — das Hormon, das den Blutzuckerspiegel im Körper reguliert. Kann kein Insulin gebildet werden, ist der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht.
    • Diabetes Typ 2 entsteht meist erst im späteren Leben aufgrund einer erworbenen Insulinresistenz des Körpers. Als Risikofaktoren gelten unter anderem Bewegungsmangel und Übergewicht.

    Wie entsteht eine diabetische Neuropathie?

    Was der genaue Auslöser für eine diabetische Neuropathie ist, wurde noch nicht endgültig geklärt. Spezialisten gehen davon aus, dass ein Zusammenhang mit dem zu hohen Blutzuckerspiegel besteht. Das Risiko für die Entstehung einer Neuropathie wird nämlich umso größer, je höher die Menge an Glucose im Blut (Blutzucker) ist und je länger diese überhöht bleibt.4 Aller Wahrscheinlichkeit nach führt dies dazu, dass Blutgefäße, die die Nerven mit Sauerstoff versorgen, verstopfen und nicht mehr ausreichend durchblutet werden.

    Andere Studien vermuten hingegen, dass die Nervenschädigung nicht auf die überschüssigen Zuckermoleküle (= Glucose) selbst zurückgeht, sondern das Methylglyoxal – ein giftiges Stoffwechselprodukt, das beim Abbau der Glucose entsteht – dahintersteckt. Es wird bei Diabetikern vermehrt produziert und gleichzeitig schlechter abgebaut.

    Aber was bedeutet das nun genau? Hierfür ist folgendes Hintergrundwissen wichtig:

    Schmerzen werden von unserem Körper durch freie sensorische Nervenendigungen, sogenannte Nozizeptoren registriert, übersetzt und dann an das Gehirn weitergeleitet. Eine wichtige Rolle bei diesem Vorgang spielen die Natriumkanäle der Nozizeptoren, die für die Fortleitung von Impulsen verantwortlich sind. Das Stoffwechselgift Methylglyoxal wird verdächtigt, die Eigenschaften eben dieser Natriumkanäle zu verändern,5 was Überempfindlichkeiten oder Muskelschwächen bei Patienten mit diabetischer Neuropathie erklären könnte.6

    Eine diabetische Nervenschädigung soll aber auch noch auf eine andere Art und Weise begünstigt werden: Alkohol und Nikotin können sich ebenfalls als „Nervengifte“ im Gewebe ablagern und dieses schädigen. Zudem geht starker Alkoholmissbrauch häufig mit einem Vitaminmangel einher, der sich ebenfalls negativ auf die Nerven auswirkt.

    Welche Formen von diabetischer Neuropathie gibt es?

    Die diabetische Neuropathie wird in zwei verschiedene Formen unterteilt:

    • Am weitesten verbreitet ist die sensomotorische diabetische Polyneuropathie. Sie führt zur Schädigung von Nervenfasern, die sensorische (zum Beispiel Tast- oder Temperaturempfinden) oder motorische Aufgaben (beispielsweise Muskelbewegungen) erfüllen.
    • Die autonome diabetische Neuropathie betrifft hingegen das autonome (vegetative) Nervensystem, das wir nicht willentlich beeinflussen können (zum Beispiel die Steuerung von Herz und Gefäßen oder des Verdauungstrakts).


    Gut zu wissen:

    Eine Neuropathie kann auch nur einzelne Nerven betreffen (diabetische Mononeuropathie). Da dies jedoch nur selten der Fall ist, werden im vorliegenden Text die Begriffe diabetische Polyneuropathie und Neuropathie synonym verwendet.

    Wie äußert sich eine diabetische Neuropathie?

    Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, kann sich eine Nervenschädigung durch sehr unterschiedliche Beschwerden bemerkbar machen:

    Kribbeln in den Beinen als Symptom einer diabetischen Neuropathie.

    Sensibilitätsstörungen

    Meist geht eine diabetische Nervenschädigung mit Empfindungsstörungen einher.

    Charakteristisch sind folgende Neuropathie-Symptome:

    • Missempfindungen
    • Dehnungs- und Druckschmerzen an den Endpunkten der Nerven
    • Kribbeln und Schmerzen in Füßen und Unterschenkeln (Burning-Feet-Syndrom)

    Später kann es zu motorischen Ausfällen kommen, zum Beispiel zum Verlust der Muskel- und Sehnenreflexe und schließlich zu Lähmungen der Muskulatur.

    Charakteristisch für den neuropathischen Schmerz ist, dass er sowohl anhaltend brennend als auch ganz plötzlich und stechend auftreten kann. Dadurch fühlen sich die betroffenen Körperregionen teilweise wie von einem elektrischen Schlag getroffen an. Oft verschlimmern sich außerdem nachts die Symptome. Die neuropathischen Schmerzen können dann so stark sein, dass die Bettdecke von Betroffenen als schwer und schmerzhaft empfunden wird.

    Typisch ist weiterhin eine Taubheit der Gliedmaßen. Die Betroffenen fühlen ihre Füße (beispielsweise beim Gehen) nicht mehr. Es kommt zudem vor, dass sie in ihren Händen oder Füßen ein Ziehen oder Brennen spüren. Oft haben Sie auch den Eindruck, als trügen sie Handschuhe beziehungsweise Socken, obwohl sie tatsächlich gar keine anhaben. Berührungen, Schmerz, Temperaturen oder Vibrationen werden manchmal nicht mehr wahrgenommen.


    Vorsicht!

    Keine Schmerzen fühlen zu können, ist leider alles andere als schön. Im Gegenteil – es ist gefährlich. Beispielsweise bemerken Betroffene dann nicht mehr, ob das Wasser aus dem Wasserhahn zu heiß ist, was zu Verbrennungen führen kann.

    Bewegungsstörungen

    Sind motorische Nerven betroffen, also solche, die die Befehle vom Gehirn an die Skelettmuskulatur weiterleiten, kann es zudem zu folgenden Ausfällen kommen:

    • Verlust der Muskel- und Sehnenreflexe (und damit einhergehende Bewegungsstörungen oder -ausfälle)
    • Muskelkrämpfe
    • Lähmungserscheinungen von kompletten Gliedmaßen

    In schweren Fällen kann eine diabetische Neuropathie infolge der Bewegungseinschränkungen im späteren Verlauf zu einem Muskelschwund (Atrophie) führen.

    Symptome der autonomen diabetischen Neuropathie

    Unter das autonome (oder vegetative) Nervensystem fallen diejenigen Nerven, auf die wir keinen direkten, willentlichen Einfluss haben. Also zum Beispiel die Nerven des Verdauungstraktes, des Herzens oder der inneren Organe. Auch diese Nerven können bei einer diabetischen Neuropathie geschädigt werden.

    Je nachdem welche Organe betroffen sind, entstehen dabei unterschiedliche Neuropathie-Symptome, die in der folgenden Tabelle aufgelistet sind:

    OrgansystemAuswirkung und Symptome
    Herz-KreislaufsystemStörungen des Blutdrucks und der Durchblutung einzelner Organe; arrhythmischer Herzschlag bis hin zu Kammerflimmern; Pumpleistung des Herzens vermindert; Herzrhythmusstörungen
    Schweißdrüsenreflexbedingte Schweißsekretion; verminderte oder verstärkte Schweißbildung
    Magen-Darm-TraktStörungen der Peristaltik der Speiseröhre; Lähmung des Magens; veränderte Steuerung der Darmmuskulatur;
    Mögliche Anzeichen: Völlegefühl, Übelkeit, Aufstoßen, Durchfall und Verstopfung
    UrogenitaltraktBlasen- und Mastdarmlähmung; Inkontinenz; Erektions- und Ejakulationsstörungen (bei Männern); Störung der Vaginalsekretion (bei Frauen); Orgasmusprobleme


    Lebenserwartung bei autonomer diabetischer Neuropathie

    Eine autonome diabetische Neuropathie schränkt nicht nur die Lebensqualität ein. Vor allem wenn das Herz-Kreislaufsystem betroffen ist (kardiovaskuläre autonome diabetische Neuropathie), sinkt auch die Lebenserwartung deutlich. Im Verlauf von bis zu 15 Jahren steigt das Sterberisiko um den Faktor 3,5 im Vergleich zu Patienten ohne diese Form der Erkrankung.8 Umso wichtiger ist es, eine autonome diabetische Neuropathie rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.

    Diabetischer Fuß

    Frau fasst sich an schmerzenden Fuß wegen diabetischer Neuropathie.

    Eine der häufigsten Komplikationen der sensomotorischen diabetischen Polyneuropathie ist das sogenannte diabetische Fußsyndrom oder kurz der diabetische Fuß. Durch Lähmungen der Fußmuskulatur wird der Fuß fehlbelastet. Das macht sich anfangs beispielsweise durch eine vermehrte Hornhautbildung bemerkbar. Später kommt es zu Einrissen in der Haut.

    Trotzdem empfinden die Betroffenen keine Schmerzen, da die Nerven zur Schmerzwahrnehmung aufgrund der diabetischen Polyneuropathie geschädigt sind. Da bei Diabetikern häufig auch eine Immunschwäche sowie eine mangelnde Durchblutung der Gefäße auftreten, kommt es schnell zur Entstehung schlecht heilender, chronischer Wunden.

    Auch anfangs kleine Verletzungen oder Druckstellen können dann schnell großflächig werden und sich entzünden. Im schlimmsten Fall ziehen sie ein Absterben des umliegenden Gewebes nach sich. Der diabetische Fuß ist daher eine der Hauptursachen von Amputationen in Deutschland.9

    Wie erfolgt die Diagnose bei diabetischer Polyneuropathie?

    Arzt testet Reflexe am Knie zur Diagnose einer diabetischen Neuropathie.

    Bei der Erkennung einer diabetischen Polyneuropathie hat vor allem der Hausarzt, den Sie bei auffälligen Anzeichen aufsuchen sollten, eine wichtige Rolle. Für die Diagnosestellung zieht er insbesondere drei Informationsquellen heran:

    • die Symptome des Patienten
    • die medizinische Vorgeschichte
    • die Ergebnisse einer eingehenden Untersuchung


    Gut zu wissen:

    Zur Festigung der Diagnose oder zur weiterführenden Behandlung kann Sie der Arzt an Spezialisten wie Diabetologen, Neurologen, Urologen oder Gastroenterologen weiter verweisen.

    Anamnese: Welche Informationen für den Arzt wichtig sind

    In einigen Fällen kann der Arzt eine Polyneuropathie diagnostizieren, bevor sie schwere Komplikationen verursacht. Es ist deshalb wichtig, dass der Patient dem Arzt alle Arten von Schmerzen, Schwächezeichen und motorischen Problemen schildert, die er an sich beobachtet. Erwähnen sollte er auch, wenn er häufig an Schwindel leidet oder wenn ihm in folgenden Bereichen Veränderungen auffallen:

    • bei der Verdauung
    • beim Wasserlassen
    • beim Schwitzen
    • im Sexualbereich

    Da der diabetische Fuß eines der ersten Zeichen für eine diabetische Neuropathie ist, spielt er in der Polyneuropathie-Diagnose eine Schlüsselrolle. Berichten Sie Ihrem Arzt daher rechtzeitig von Veränderungen am Fuß, wie eine eingerissene oder abgeschälte Haut, Schwielen oder Pilzinfektionen.


    Tipp

    Diabetikern wird dringend empfohlen, mindestens einmal im Jahr die Füße von einem Arzt untersuchen zu lassen.10

    Testverfahren zur Diagnose einer Neuropathie

    Im Fokus der anschließenden körperlichen Untersuchung stehen vor allem folgende Parameter:

    • Muskelstärke / Muskeltonus: Die Motorik untersucht der Arzt zum Beispiel, indem er die Spreizfähigkeit der Zehen testet, den Widerstand bei Streckung (Zehengang) und Beugung (Krallen) der Zehen und Füße sowie den Fersengang.
    • Sehnenreflexe: Der Mediziner klopft mit einem kleinen Hammer behutsam auf die Sehnen des Wadenmuskels und unterhalb der Kniescheibe, um die Achilles- und Kniesehnenreflexe zu überprüfen.
    • Empfindlichkeit der Haut gegenüber Berührungen, Temperatur und Vibrationen: Wichtige Erkenntnisse können beispielsweise durch das Auflegen kalter Gegenstände oder das Berühren mit einem Pinsel gewonnen werden.
    • Schmerzempfindlichkeit: Liegen neuropathische Schmerzen vor, wird deren Intensität mithilfe einer Ratingskala von Punkten erfasst: 0 Punkte (= kein Schmerz), 10 Punkte (= maximal vorstellbarer Schmerz).

      Um die Parameter zu erfassen, kann der Arzt unter anderem auf folgende Screening-Verfahren zurückgreifen:

    • Monofilament: Der Arzt drückt einen relativ steifen Kunststofffaden an verschiedene Stellen des Fußes, um so die Berührungsempfindlichkeit des Patienten einschätzen zu können.
    • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Bei diesem Test misst der Arzt durch das Anbringen von Elektroden wie schnell die Nerven in Armen und Beinen ein elektrisches Signal weiterleiten. Bei Nervenschäden, wie sie die diabetische Polyneuropathie verursacht, ist die Leitungsgeschwindigkeit der Nerven herabgesetzt.
    • Elektromyographie (EMG): Durch das Einführen dünner Nadelelektroden in die Haut wird die elektrische Aktivität von Muskelfasern in Armen und Beinen gemessen und als sogenanntes Elektromyogramm aufgezeichnet.
    • Quantitativ sensorische Testung (QST): Die QST ist ein Untersuchungsverfahren, mit dem der Arzt die veränderte Hautsensibilität von Patienten misst. Dazu wird die Haut mit verschiedenen Testgeräten stufenweise gereizt und so die Wahrnehmungsschwelle ermittelt.
    • Blutuntersuchungen: Auch Blutuntersuchungen können im Rahmen der Diagnose Aufschluss darüber geben, ob ein Patient an einer Polyneuropathie leidet. Gemessen werden die Faktoren im Blut, die bekanntermaßen Ursache einer Nervenschädigung sein können (wie ein hoher Blutzuckerspiegel).
    • Liquoruntersuchung: Hierbei wird dem Patienten Rückenmarksflüssigkeit entnommen und analysiert. Die Untersuchung wird meist durchgeführt, um andere Erkrankungen, wie entzündlich bedingte Nervenschmerzen, auszuschließen.

    Bei der autonomen diabetischen Neuropathie sind Nerven betroffen, die die Funktionen der inneren Organe steuern. Damit einhergehende Probleme sind oft schwer zu diagnostizieren. Zeigt ein Patient entsprechende Anzeichen (wie starke Schweißbildung oder Brustschmerzen), führt der Arzt zusätzliche Tests durch. Er wird zum Beispiel den Blutdruck des Patienten in verschiedenen Positionen messen.

    Diabetische Neuropathie – was tun?

    Momentan gibt es noch kein Verfahren zur vollständigen Heilung einer diabetischen Neuropathie. Deswegen verfolgt die Therapie vor allem drei Ziele:

    Für jeden dieser Punkte in der Polyneuropathie-Therapie gibt es spezifische Behandlungsverfahren und Medikamente.

    Frau mit Diabetes misst Blutzucker.

    Krankheitsfortschritt verzögern

    Für eine wirksame Therapie der diabetischen Polyneuropathie ist es entscheidend, den Blutzuckerspiegel konstant im erwünschten Bereich zu halten. Nur so kann das Fortschreiten der Erkrankung verhindert oder verzögert werden. In günstigen Fällen lassen sich damit sogar bereits vorhandene Symptome verbessern. Der Arzt wird den optimalen Blutzuckerwert für jeden Patienten individuell festlegen. Er ist abhängig von verschiedenen Faktoren, wie dem Alter des Patienten, wie lange er schon an Diabetes leidet, seinem allgemeinen Gesundheitszustand und dem Vorhandensein anderer Erkrankungen.


    Ihre Mitarbeit ist gefragt!

    Für eine erfolgreiche Therapie ist die konsequente Mitarbeit des Patienten von ausschlaggebender Bedeutung. Deswegen sollten Betroffene, die an diabetischer Polyneuropathie leiden, unbedingt folgende Ratschläge beachten:

    • Befolgen Sie die Empfehlungen Ihres Arztes zur Fußpflege.
    • Behalten Sie Ihren Blutzuckerspiegel im Auge.
    • Achten Sie auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung.
    • Treiben Sie ausreichend Sport.
    • Achten Sie auf Ihr Gewicht.
    • Rauchen Sie nicht.
    • Trinken Sie – wenn überhaupt – nur mäßig Alkohol.

    Medikamentöse Schmerzbekämpfung

    Verschiedene Medikamente werden bei der Behandlung der Polyneuropathie zur Schmerzlinderung eingesetzt, aber nicht alle sind für jeden Patienten geeignet und viele haben Nebenwirkungen. Hier muss der Arzt Nutzen und Nachteile gegeneinander aufwiegen.

    Als schmerzlindernde Medikamente bei Neuropathie kommen beispielsweise infrage:

    • Rezeptfreie Schmerzmittel: Polyneuropathie bedingte Schmerzen lassen sich durch die üblichen, rezeptfrei erhältlichen Schmerzmittel oft nur schwer in den Griff bekommen. Gelegentlich auftretende Beschwerden sprechen eventuell auf eine Therapie mit Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol an.
    • Antidepressiva: Die sogenannten trizyklischen Antidepressiva, die normalerweise bei Depressionen eingesetzt werden, können ebenso bei leichten bis moderaten neuropathischen Schmerzen hilfreich sein. Antidepressiva beseitigen den Schmerz nicht, machen ihn aber für die Betroffenen erträglicher. Die Wirkstoffe dieser Gruppe unterdrücken unter anderem die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Antidepressiva haben eine Reihe möglicher Nebenwirkungen, wie Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen, Probleme beim Wasserlassen, Gewichtszunahme und Verstopfung.
    • Antiepileptika (Antikonvulsiva): Diese Medikamente werden hauptsächlich bei Epilepsie gegen Krampfanfälle angewandt und wirken krampflösend. Sie sind aber auch als Schmerzmedikamente bei Neuropathie verschreibungsfähig. Als Nebenwirkungen können Müdigkeit, Benommenheit und Schwindel auftreten. Bei der Behandlung einer Polyneuropathie mit Antikonvulsiva muss der Arzt besonders auf Veränderungen spezieller Blutwerte achten, weshalb regelmäßige Blutuntersuchungen notwendig sind.
    • Opioide: Es handelt sich um starke Schmerzmittel, die allerdings zwei große Nachteile haben. Der Patient bildet eine Toleranz aus, das heißt, die Wirkung kann allmählich nachlassen, sodass die Dosis erhöht werden muss. Außerdem kann eine psychische Gewöhnung (Abhängigkeit) eintreten, weshalb der Arzt die Einnahme zu jeder Zeit streng überwachen sollte.

    Alternative Behandlungsmöglichkeiten

    Neben diesen Medikamenten gegen Neuropathie-Schmerzen gibt es auch eine Anzahl alternativer Methoden, um die Schmerzen zu lindern:

    • Capsaicin-Pflaster und Cremes: Der Wirkstoff Capsaicin kommt in der Natur in Chilischoten vor und bewirkt eine anhaltende Deaktivierung hyperaktiver Nozizeptoren (Schmerz wahrnehmende Sensoren), wodurch Beschwerden gelindert werden können. Pflaster mit diesem Wirkstoff sind seit 2010 auf dem Markt.11
    • Akupunktur: Die chinesische Heilmethode, bei der eine Stimulierung mit Nadeln erfolgt, kann ergänzend zur Therapie von neuropathischen Schmerzen angewandt werden. Es fehlt jedoch eine ausreichende Evidenz, um die Wirksamkeit zu belegen.12
    • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Dabei trägt der Patient ein kleines Reizstromgerät, das mit der schmerzhaften Hautregion verbunden ist. Bei Bedarf werden elektrische Impulse gegeben, die die Hautnerven reizen und so dem Schmerz entgegenwirken. Doch auch hier kann die Studienlage zur Behandlung neuropathischer Schmerzen bisher nicht überzeugen.13
    • Physiotherapie: Zur Schmerztherapie bei Polyneuropathie dienen darüber hinaus physikalische Behandlungen wie Krankengymnastik, Wechsel- und Bewegungsbäder, Elektrobehandlung gelähmter Muskeln sowie warme und kalte Wickel. Dadurch soll zusätzlich die Durchblutung verbessert, die geschwächten Muskeln gestärkt und die Mobilität so lang wie möglich aufrechterhalten werden.

    Diese Methoden können allein oder zusätzlich zu den Neuropathie-Medikamenten zum Einsatz kommen – zum Beispiel, wenn die Dosis reduziert werden soll, weil Nebenwirkungen auftreten.

    Komplikationen der inneren Organe in den Griff bekommen

    Für viele Symptome, die durch die diabetische Polyneuropathie im autonomen Nervensystem entstehen, gibt es spezifische Behandlungsverfahren. Dazu gehören:

    • Maßnahmen bei Beschwerden des Harnsystems: Patienten, die unter Blasenschwäche leiden, sollten regelmäßig zur Toilette gehen (zum Beispiel alle drei Stunden). Dadurch kann der Betroffene den unkontrollierten Harndrang eindämmen. Außerdem wird so die Restharnmenge, die in der Harnblase verbleibt, geringgehalten, was die Gefahr einer Blaseninfektion reduziert. Ein Facharzt für Urologie kann darüber hinaus weitere Therapiemaßnahmen empfehlen.
    • Behandlung bei Problemen der Sexualität: Ursache für eine Potenzschwäche (erektile Dysfunktion) können sowohl der Diabetes mellitus als auch die Neuropathie-Medikamente sein – zum Beispiel Antidepressiva. Ist es nicht möglich diese Medikamente abzusetzen oder bleiben die Beschwerden trotzdem bestehen, helfen mitunter Erektionshilfesysteme (Vakuumpumpe) oder potenzsteigernde Arzneimittel. Gegen eine Trockenheit der Scheide gibt es spezielle Gleitmittel und Gele.
    • Verdauungsprobleme: Völlegefühl, Magenverstimmung, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung lassen sich durch häufige kleinere Mahlzeiten vermeiden. Gegen Verstopfungen helfen reichlich Flüssigkeit, eine ballaststoffreiche Ernährung und ausreichend Bewegung. Zudem kann der Hausarzt auch Medikamente gegen die einzelnen Magen-Darm-Beschwerden verschreiben.


    Tipp

    Für betroffene Patienten gilt: Scheuen Sie sich nicht und sprechen Sie Ihren Arzt auf solche Probleme an! Für ihn ist es nichts Ungewöhnliches, derartige Schwierigkeiten zu besprechen und zu behandeln – Sie müssen sich also nicht schämen. Je früher Ihnen geholfen werden kann, desto besser.

    Wie lässt sich einer Nervenschädigung vorbeugen?

    Die beste Vorsorge gegen eine diabetische Neuropathie ist eine regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels und gegebenenfalls eine Anpassung der zu spritzenden Insulindosis, in Absprache mit dem behandelnden Arzt. Ist der Blutzuckerspiegel gut eingestellt und sind die Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten unter Kontrolle, kann dies langfristig sogar zu einer Regeneration geschädigter Nerven beitragen und die Symptome verbessern.

    Zudem sollten Diabetiker auf Anzeichen wie Empfindungsstörungen oder einen diabetischen Fuß achten und beim Auftreten dieser schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen.

    Dr. Markus Numberger
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    Miriam Och
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