Trigeminusneuralgie – stechende Schmerzen im Gesicht

September 5, 2019

13 Min.

Ein kühler Luftzug, die Kaubewegung beim Essen oder sogar das Sprechen – diese Faktoren können ausreichen, um bei einer Trigeminusneuralgie unerträgliche Schmerzen im Gesicht auszulösen. Zwar lassen sich die Schmerzattacken durch Medikamente häufig in den Griff bekommen, bis es soweit ist, sind viele Betroffene in ihrem Alltag jedoch stark eingeschränkt.

Eine Frau mit einer Trigeminusneuralgie hält sich das schmerzende Gesicht

Zum Inhalt:

Trigeminusneuralgie im Überblick:

  • Die ausgeprägten Schmerzen im Wangen- und Kieferbereich werden durch eine Reizung des Nervus Trigeminus, (ein Hirnnerv), ausgelöst.
  • In der Regel halten die Schmerzattacken nur wenige Sekunden an – sie können jedoch mehrmals am Tag auftreten.
  • Häufig sind es bestimmte Trigger, wie Lachen, Kauen oder ein kalter Luftzug, die den akuten Schmerz hervorrufen.
  • Eine Behandlung mittels Medikamenten, Operation oder Strahlentherapie ist oft erfolgreich.

Symptome: Plötzliche, starke Schmerzen an Wangen und Kiefer

Die Trigeminusneuralgie zeichnet sich durch sehr heftige, einseitig auftretende Gesichtsschmerzen aus. Betroffene beschreiben den Schmerz unter anderem als:

  • elektrisierend
  • stechend
  • blitzartig einschießend
  • vernichtend

Experten zählen die Trigeminusschmerzen sogar zu den stärksten Schmerzen überhaupt.2

Über den Nervus trigeminus

Ein Querschnitt des Kopfs zeigt den Trigeminusnerv und dessen Verlauf.

Die Trigeminusneuralgie betrifft den fünften von insgesamt zwölf Hirnnerven – den Nervus trigeminus. Dieser Nerv, auch Drillingsnerv genannt, ist unter anderem für das Berührungs- und Schmerzempfinden im Gesicht verantwortlich.

Der Nerv teilt sich pro Gesichtshälfte in drei Hauptäste, über die er die Stirn- und Augenpartie, den mittleren Bereich (auf Höhe des Oberkiefers) und den unteren Teil der Gesichtshälfte (auf Höhe des Unterkiefers) versorgt.

Die zwölf Hirnnerven im Überblick >>

In vielen Fällen sind der zweite und der dritte Nervenast (also die mittlere und untere Gesichtshälfte) betroffen – Schmerzen zeigen sich daher vor allem im Wangen- und Kieferbereich. Während eines Anfalls verzieht sich das Gesicht und Betroffene zucken zusammen. Lassen die Schmerzen wieder nach, ist die Haut meist gerötet und erhitzt.

Die einzelnen Schmerzattacken dauern in der Regel nur wenige Sekunden, manchmal aber auch bis zu 2 Minuten lange an.1 Die Gesichtsschmerzen können als Episoden über Wochen bis Monate hinweg täglich erneut auftreten – wobei sich die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Attacken oft zunehmend verkürzen.2 Typisch für die Trigeminusneuralgie ist zudem, dass Personen zwischen den einzelnen Episoden schmerzfrei sind.

Wer ist betroffen?

Die Trigeminusneuralgie ist ein relativ selten auftretendes Krankheitsbild. Nur etwa 4 von 100.000 Menschen leiden darunter. Die ersten Beschwerden machen sich typischerweise bei Personen bemerkbar, die bereits älter als 40 Jahre sind. Außerdem kommen die Gesichtsschmerzen bei Frauen etwas häufiger vor als bei Männern.1

Ursachen: Wie entsteht die Trigeminusneuralgie?

Auslöser ist eine anhaltende Reizung des Trigeminusnerv. Es wird vermutet, dass diese in vielen Fällen durch ein auf den Nerv drückendes, ungewöhnlich verlaufendes Blutgefäß (klassische Trigeminusneuralgie) entsteht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gefäß und Nerv sich berühren, soll demnach erhöht sein, wenn die Wände der Arterien verdickt sind – wie es bei einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) der Fall ist.

Da die Verkalkung der Arterien mit steigender Lebenszeit zunimmt, ist das vermutlich der Grund, weshalb viele Geplagte sich im mittleren oder höheren Alter befinden.

Gut zu wissen

Sind druckausübende Tumore oder Erkrankungen, wie Multiple Sklerose (chronische Entzündung des Nervensystems), der Auslöser für einen gereizten Nerv, ist von einer symptomatischen Trigeminusneuralgie die Rede. Diese kommt allerdings nur selten vor.

Typisch für die Trigeminusneuralgie ist, dass es bestimmte auslösende Faktoren (Trigger) gibt, welche die akuten Gesichtsschmerzen bei bereits bestehender Reizung des Nervs hervorrufen. Dabei handelt es sich um kleinste Bewegungen oder Berührungen der Haut. Beispiele für denkbare Trigger sind:

  • Niesen
  • Gähnen
  • Sprechen
  • Lachen
  • Kauen
  • Schlucken
  • Zähneputzen

In manchen Fällen ist sogar ein kühler Luftzug ausreichend, um eine Schmerzattacke auszulösen.

Diagnose: Was macht der Arzt?

Treten bei Ihnen Gesichtsschmerzen auf, sollten Sie zeitnah einen Arzt aufsuchen, um baldmöglichst mit einer Behandlung zu beginnen. Der richtige Ansprechpartner bei Nervenschmerzen ist der Neurologe (Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems). Zu Beginn der Diagnose steht das Patientengespräch (Anamnese). Bei diesem erfragt der Facharzt unter anderem die genauen Symptome, deren Verlauf und Dauer. Außerdem wird der Mediziner das Empfindungsvermögen im Gesicht des Patienten testen.

Verhärtet sich der Verdacht einer Trigeminusneuralgie, kann der Arzt ein MRT (Magnetresonanztomografie), auch als Kernspintomografie bekannt, anordnen. Bei diesem werden mehrere Schichtbilder des Kopfes aufgenommen, auf denen die verschiedenen Strukturen sichtbar sind. Bei etwa 80 Prozent der Patienten zeigt das MRT, dass ein Blutgefäß auf den Trigeminusnerv drückt oder umschlingt und damit der Auslöser für die Schmerzen ist.3

Trifft das nicht zu, ist der Grund für die Neuralgie vermutlich in einer anderen Ursache (einer Erkrankung oder einem Tumor) zu suchen. Weitere mögliche diagnostische Verfahren sind dann beispielsweise:

  • CT (Computertomografie) zur Erkennung von knöchernen Veränderungen des Schädels
  • Nervenwasseranalyse zum Beispiel zur Feststellung einer Multiplen Sklerose

Andere Ursachen ausschließen

Eine gründliche Diagnose ist wichtig, damit der Facharzt unter anderem

  • Zahnschmerzen,
  • Kieferbeschwerden,
  • Migräne,
  • Clusterkopfschmerzen (einseitig sehr stark auftretende Kopfschmerzen)
  • oder einen Hirntumor

als Grund für die Probleme ausklammern kann.

Behandlung: Was hilft?

Hausmittel oder alternative Methoden haben bei einer Trigeminusneuralgie keine Wirksamkeit. Die Beschwerden einer Trigeminusneuralgie werden daher in erster Linie mit Medikamenten behandelt – in vielen Fällen ist das ausreichend. Erst, wenn die medikamentöse Therapie ausgereizt ist, kommt ein chirurgischer Eingriff oder eine Strahlentherapie infrage. Bei der selten auftretenden symptomatischen Form steht die Therapie der primären Krankheit im Mittelpunkt.

Gabe von Antiepileptika

Normale Schmerzmittel, wie Ibuprofen, sind bei den starken Schmerzen der Trigeminusneuralgie wirkungslos. Zudem dauert es zu lange, bis sie ihre Wirkung entfalten – der Gesichtsschmerz hätte bereits wieder nachgelassen.

Daher werden dem Patienten in der Regel Medikamente aus der Gruppe der Antiepileptika verschrieben. Diese hemmen die Erregbarkeit der durch den Trigeminusnerv versorgten Gesichtsareale und mindern die Fähigkeit des Nervens, Signale (und Schmerzen) an das Gehirn zu übertragen. Erste Wahl sind oft Mittel mit dem Wirkstoff Carbamazepin – da dieser als besonders wirksam gilt. Weitere gängige Wirkstoffe sind zum Beispiel Gabapentin und Oxcarbazepin.

Keine Sofortbehandlung

Die bei der Neuralgie auftretenden Schmerzen halten meist nur wenige Sekunden an – eine akute Linderung durch Arzneimittel ist nicht möglich. Vielmehr dient die Medikamentengabe als Prophylaxe, um nach Möglichkeit zukünftige Schmerzattacken langfristig zu verhindern.

Die Dosierung des Medikaments legt der Neurologe individuell für den Patienten passend fest – die Menge wird langsam gesteigert, bis der Betroffene nicht mehr unter Gesichtsschmerzen leidet. Dabei darf die Relation zu den Nebenwirkungen nicht aus den Augen verloren werden. Denn als Begleiterscheinung auftretende Müdigkeit oder Schwindelanfälle sind keine Seltenheit.

Wichtig ist, dass der Betroffene das Mittel absolut regelmäßig und wie vom Arzt verordnet einnimmt. Der Wirkstoffpegel im Blut bleibt dadurch konstant und nur so entfaltet das Arzneimittel die bestmögliche Wirkung.

Absetzen des Medikaments

Schlägt das Antiepileptikum an – und der Patient ist seit etwa 4 bis 6 Wochen frei von Beschwerden – kann die Dosierung stufenweise wieder reduziert und das Mittel abgesetzt werden.4 Jedoch können die Schmerzattacken sogar nach längerer symptomfreier Zeit erneut ausbrechen.

Treten als Folge der Medikamentengabe sehr starke Nebenwirkungen auf, ist es sinnvoll, über den Wechsel zu einem anderen Medikament nachzudenken. Kommt das nicht in Frage oder zeigen mehrere Medikamente nicht die erwünschte Wirkung, gibt es die Möglichkeit, die Trigeminusneuralgie bei einem chirurgischen Verfahren zu behandeln.

Verschiedene Möglichkeiten der OP

Ein operativer Eingriff zur Behandlung einer Trigeminusneuralgie wird von einem Neurochirurgen (Facharzt für operative Eingriffe am Nervensystem) durchgeführt. Dem Arzt stehen hierbei verschiedene OP-Varianten zur Verfügung. Dazu zählen:

  • mikrovaskuläre Dekompression
  • Ganglion-Gasseri-Techniken

Die mikrovaskuläre Dekompression führt der Chirurg unter Vollnarkose durch. Dabei öffnet er den Schädelknochen hinter dem Ohr, um an den Trigeminusnerv zu gelangen. Dort platziert er ein kleines Stück Kunststoff, welches als eine Art Puffer fungiert, sodass das Gefäß nicht länger auf den Nerv drückt.

Die Ganglion-Gasseri-Techniken kommen für Patienten in Frage, für die eine Operation unter Vollnarkose zu riskant wäre (zum Beispiel aufgrund von vorliegenden Herz- oder Lungenerkrankungen). Bei dieser Methode erhält der Betroffene lediglich eine lokale Betäubung im Gesichtsbereich oder eine Kurznarkose. Der Neurochirurg sticht dann mit einer Kanüle neben dem Mundwinkel der betroffenen Gesichtshälfte ein – er trifft so einen speziellen Nervenknoten (den Ganglion Gasseri), in dem sich die drei Nervenäste des Trigeminusnervs verbinden.

Nun werden über die Kanüle jene Fasern des Nervs, die gewöhnlich für die Übertragung von Schmerzen zuständig sind, mittels Hitze (Thermokoagulation) oder einer Alkoholinjektion (Glyzerolinstillation) gezielt geschädigt. Bei dieser Anwendungsform sind unter Umständen mehrere Wiederholungen nötig, bis der Patient schmerzfrei ist.

Ein langfristiger Erfolg?

Den meisten Betroffenen geht es nach einer OP innerhalb kurzer Zeit deutlich besser – jedoch gibt es keine Garantie, dass die Symptome der Trigeminusneuralgie nicht erneut auftreten.

Sechs Jahre nach einer mikrovaskulären Dekompression sind immerhin noch 73 Prozent der Patienten frei von Gesichtsschmerzen. Nach einer Thermokoagulation sind es sogar 80 Prozent – bei einer Injektion mit Alkohol dagegen nur 60 Prozent.3

Strahlentherapie gegen die Schmerzen

Neben den chirurgischen Eingriffen gibt es noch die Möglichkeit, die Trigeminusneuralgie im Rahmen einer Bestrahlung zu behandeln. Der Arzt bestrahlt dabei einen Teil des Trigeminusnervs einmalig und hochdosiert, sodass dieser zerstört und die Schmerzweiterleitung unterbrochen wird.

Bei dieser Methode sind nach drei Jahren noch 75 Prozent der Patienten schmerzfrei.4 Langzeiterfahrungen gibt es zur Strahlentherapie bei der Trigeminusneuralgie jedoch noch nicht, da diese Behandlungsform relativ neu ist.

Empfindungsstörungen im Gesicht

Sowohl bei der Strahlenbehandlung als auch bei einem chirurgischen Eingriff kann es im Nachgang zu dauerhaft verminderter Sensibilität im behandelten Gesichtsbereich kommen. Der Patient sollte sich hierzu von seinem Arzt vor Therapiebeginn ausführlich informieren lassen.

Die Folgen einer Trigeminusneuralgie

Patienten sind durch die plötzlichen Schmerzattacken in ihrem Alltag sehr beeinträchtigt. Da schon kleinste Berührungen oder Bewegungen eine erneute Attacke auslösen, versuchen viele Betroffene bestimmte Trigger, wie Lachen, Trinken oder Essen, zu vermeiden.

Dies kann beispielsweise zu einem starken Gewichtsverlust oder Vitaminmangel führen. Zudem leidet die Psyche unter der ständigen Angst vor Schmerzen – Depressionen, Angststörungen und soziale Isolation entwickeln sich unter Umständen. Um diese Folgen einer Trigeminusneuralgie zu vermeiden, ist es daher umso wichtiger, dass Sie sich bei Gesichtsschmerzen zeitnah an einen Facharzt wenden. Dieser ist in der Lage, mit Ihnen gemeinsam die bestmögliche Therapieform zu finden.

Pauline Zäh
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