Rückenschmerzen: Warum der Kelch an vielen Schwangeren nicht vorbeigeht


Übelkeit, Sodbrennen, häufiger Harndrang – als wären diese typischen Schwangerschaftsbeschwerden nicht schon genug, leiden viele Frauen auch unter Rückenschmerzen in den „runden 40 Wochen”. Doch warum ist das so? Als Vorbereitung auf die Geburt lockern sich durch das Hormon Relaxin die Bänder, welche die Wirbelsäule stützen, woraufhin diese ihre Stabilität verliert. Neben dem Hormon Relaxin gibt es weitere Ursachen für Rückenschmerzen, beispielsweise eine

  • ungewohnte Belastung der Wirbelsäule: Das Baby wächst und gedeiht, nimmt an Gewicht zu, auch die Brüste und die Gebärmutter vergrößern sich. Der Körperschwerpunkt verlagert sich nach und nach vor das Becken. Viele Schwangere verfallen daher in eine Schonhaltung und nehmen ein Hohlkreuz ein, was die Rückenmuskulatur stark beansprucht und schmerzhafte Verspannungen bewirken kann.
  • sich verlagernde Bauchmuskulatur: Auch die beiden geraden Bauchmuskeln, die normalerweise in der Mitte miteinander verbunden sind, können aufgrund des Babys, das mehr Platz in Anspruch nimmt, auseinanderweichen (Rektusdiastase). Geht deren wichtige Stützfunktion verloren, sind Schmerzen die Folge.
  • falsche Körperhaltung und/oder Hebetechnik: Eigentlich sollten Frauen vermeiden, in der Schwangerschaft schwer zu heben. Doch die Praxis sieht häufig anders aus. Beispielsweise dann, wenn man weitere Kinder hat, die noch nicht so mobil sind und in den vierten Stock ohne Aufzug getragen werden müssen. Umso essenzieller ist es, auf folgendes zu achten: Bücken Sie sich nicht mit gestreckten Beinen, sondern gehen Sie in die Hocke. Auch ein gerader Rücken ist wichtig, wenn Sie jemanden oder etwas körpernah hochheben.

Durch körperliche Belastungen wie Tragen oder langes Sitzen im Büro verstärken sich die Rückenschmerzen. Darüber hinaus können bei Rückenschmerzgeplagten andere Bereiche des Lebens, wie eine erholsame Nachtruhe, gestört werden. Aufgrund der Beschwerden schlafen sie häufig schlechter, was selten folgenlos bleibt, sondern beispielsweise Konzentrationsprobleme oder Tagesmüdigkeit nach sich zieht.

Wärme oder Kälte: Das tut Ihnen gut


Aber was hilft denn nun, wenn der Rückenschmerz schon da ist? In den meisten Fällen verspricht Wärme Besserung: Wärmflaschen, Kirschkernsäckchen oder Rotlichtlampen fördern die Durchblutung der verkrampften Muskelpartien und wirken Verspannungen entgegen. Auch den warmen Strahl einer Dusche betrachten viele Frauen als wohltuend. Wer lieber badet, kann auch das tun, doch sollte auf sehr lange und heiße Bäder über 39 Grad Celsius verzichtet werden.2 Sie können unter anderem Kreislaufprobleme, ein Abfallen des Blutdrucks und Schwindel verursachen.

Achtung!

Starke Wärme kann unter Umständen vorzeitige Wehen auslösen. Daher vorher mit der Hebamme oder dem Frauenarzt sprechen.

Einige Frauen empfinden Kälte als schmerzlindernd, vor allem bei gereizten Nerven: Einen Cool-Pack aus der Apotheke können Sie natürlich auch durch eine mit zerschlagenen Eiswürfeln befüllte Tüte ersetzen. Um Hautschädigungen zu vermeiden, sollten Sie in jedem Falle ein Tuch um kalte Gegenstände wickeln, bevor Sie diese auf die schmerzende Stelle legen.

Beachten Sie, dass Kälte einem akuten Schmerz zwar betäubend entgegenwirken kann, ausreichend Bewegung und Wärme aber ein besserer Weg sind, schmerzhafte Verspannungen zu lindern und verkrampfte Muskeln zu lockern.

Massage, Akupunktur, Homöopathie: Alternative Heilmittel


Ob vom eigenen Partner oder einem Spezialisten – bei schwangeren Frauen, die unter muskulären Verkrampfungen und Rückenschmerzen leiden, kann eine Massage positiven Einfluss hinsichtlich Vorbeugung und Linderung von Kreuzschmerzen haben.

Dank ihrer guten Verträglichkeit sieht die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. die Akupunktur bei richtiger Anwendung in der Schwangerschaft als schonende Behandlungsmethode an.3 Auch Studien bilden die Tendenz ab, dass durchaus positive Effekte mit der Akupunktur in der Schwangerschaft erzielt werden können. Insgesamt ist die Studienlage jedoch noch nicht umfangreich und aussagekräftig genug.4 Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) hat die Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) „Akupunktur in der Schwangerschaft” zur Linderung von Schwangerschaftsbeschwerden und zur Vorbereitung auf die Geburt als „unklar” eingestuft.5 Das bedeutet, der Ansicht des MDS nach, halten sich Nutzen und Schaden die Waage oder ihm liegen keine ausreichenden Daten vor, die eine Beurteilung möglich machen.5

Neben der Akupunktur können auch alternative Heilmittel wie die Homöopathie dazu beitragen, Beschwerden zu lindern. Lassen Sie sich vor der Einnahme in jedem Fall von einem Homöopathie-Experten beraten.

Bewegung tut gut!


Sowohl vor als auch während der Schwangerschaft gilt: Bewegung stärkt den Rücken. Neben der positiven körperlichen Auswirkung sorgen Methoden wie Yoga oder Pilates für Entspannung und fördern den Stressabbau. Denn auch psychische Belastungen können Ihnen in Form von Verspannungen „im Rücken sitzen“ und schmerzhafte Beschwerden bereiten.

Yogaübungen gegen Rückenschmerzen

Um den Rücken zu entlasten und Verspannungen zu vermindern, bietet sich auch in der Schwangerschaft die Übung „Dynamische und unterstützte Brücke” an.

So läuft sie ab:

Zuerst dynamisch:

  • Legen Sie sich in Rückenlage auf den Boden.
  • Stellen Sie nun die Füße auf, und schieben Sie diese möglichst nah, aber hüftbreit, an Ihren Po heran.
  • Fingerspitzen und Fersen zeigen zueinander.
  • Tief einatmen und dabei die Fußsohlen in den Boden drücken, dabei das Becken anheben.
  • Gleichzeitig Arme in einer fließenden Bewegung über dem Kopf ablegen, und zwar so, dass die Handrücken auf dem Boden aufliegen.
  • Nun ausatmen und dabei die Hände mit einer Bewegung, die einen Torbogen in die Luft „malt”, wieder seitlich der Hüften ablegen.
  • Die Wirbelsäule dabei langsam, Wirbel für Wirbel, auf dem Boden abrollen.
  • Wiederholen Sie die Übung ein paar Mal.

Dann die unterstützte Weiterführung der Übung:

  • Nehmen Sie die oben beschriebene Ausgangsposition ein. Das heißt: Auf den Rücken legen, Füße nah an den Po heranziehen und das Gesäß hochschieben.
  • Um den unteren Rücken zu stabilisieren, klemmen Sie nun ein oder mehrere feste Kissen oder aber auch einen Yogablock unter Ihr Kreuzbein ein. Dieses bildet den vorletzten Abschnitt der Wirbelsäule.
  • Platzieren Sie die Hände seitlich neben dem Körper, die Handflächen zeigen in Richtung Boden.
  • Während das Körpergewicht auf der Unterlage ruht, weiter tief atmen.6

Als besonders gelenkschonende und rückenfreundliche Sportart gilt Schwimmen. Wie wäre es, einen Aquakurs für Schwangere zu belegen? Mit den dort erlernten Übungen lässt sich die Rückenmuskulatur trainieren und festigen. Durch den Auftrieb des Wassers wird der beanspruchte Rücken der Frau zudem entlastet.

Auch Spazierengehen und Fahrradfahren sind Sportarten, mit denen schwangere Frauen schonend ihre Muskulatur trainieren können. Wichtig ist, dass Sie sich nicht übernehmen. Denken Sie an regelmäßige Erholungspausen für sich und Ihr heranwachsendes Baby!

Frauen beugen durch Sport Rückenschmerzen in der Schwangerschaft vor.

In speziellen Gymnastikkursen für Schwangere stärken Sie die im Laufe der neun Schwangerschaftsmonate stark beanspruchte Rumpf- und Rückenmuskulatur unter fachlicher Anleitung.

Auch zu Hause können Sie einfache Rückenübungen ausführen.

  • Vierfüßlerstand: In dieser Position wird der Druck, den das zunehmende Gewicht des Babys auf den Rücken ausübt, geringer. Der Vierfüßlerstand ist übrigens auch eine beliebte Geburtsposition.
  • Beckenbodentraining: Kreisen oder Wippen Sie im Stehen regelmäßig mit dem Becken, um Unterleib und Beckenboden zu trainieren. Eine starke und gut trainierte Beckenbodenmuskulatur wird Ihnen helfen, das zusätzliche Gewicht in der Schwangerschaft leichter zu tragen.
  • Katzenbuckel: Für die Übung in Seitenlage bei Rückenschmerzen legen Sie Kissen auf Kniehöhe zwischen die Beine und unter den Bauch. Beugen Sie dann den Rücken, indem Sie einen Katzenbuckel machen.

Auch Physiotherapeuten können Schwangeren Übungen zeigen, mit denen sich Beschwerden – vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule – lindern lassen. Im folgenden Video werden Ihnen drei Übungen vorgestellt.

Grundsätzlich gilt: Vorbeugung ist besser als jede Behandlung. Je trainierter ihre Bauch- und Rückenmuskulatur ist, desto weniger Beschwerden werden Sie während der Schwangerschaft haben. Auch wenn Sie bereits schwanger sind: Es ist nie zu spät, mit dem Training zu beginnen! Fangen Sie langsam und gezielt an, Ihre Muskulatur zu kräftigen.

Weitere Tipps zur Entlastung Ihres Rückens


Es gibt einfache Möglichkeiten, Ihren Alltag möglichst rückenschonend zu gestalten und Beschwerden zu lindern beziehungsweise diesen vorzubeugen, beispielsweise:

  • rückenfreundlicher Schlaf: Das Schlafen in Rückenlage kann schwangeren Frauen Beschwerden bereiten. Legen Sie in Seitenlage ein Kissen unter Ihren Bauch und zwischen die Knie oder verwenden Sie ein spezielles Schwangerschaftskissen, um Babybauch und Rücken zu entlasten. Auch die Wahl der richtigen Matratze kann sich auf Ihr Wohlbefinden und Ihre Schlafqualität auswirken. Lassen Sie sich bestenfalls in einem Fachgeschäft beraten. Beim Aufstehen schonen Sie Ihren Rücken, indem Sie sich auf die Seite rollen, Ihre Füße auf den Boden setzen und Ihren Oberkörper dann mit den Armen hochdrücken.
  • Rückenbandage: Mithilfe einer den Bauch stützenden Bandage, wird sowohl Rücken als auch Beckenboden entlastet. Fragen Sie bei Ihrem Frauenarzt nach, ob er ein Rezept dafür ausstellt.
  • bequeme Schuhe ohne hohen Absatz: Das Tragen von High Heels lässt das Becken nach vorne kippen und verstärkt so das Hohlkreuz. Besser sind flache und bequeme Schuhe, in denen Sie sich wohl fühlen.

Haltung bewahren für einen gesunden Rücken


Achten Sie stets auf eine aufrechte Haltung. Durch Ihren wachsenden Babybauch wird die Wirbelsäule aus ihrer spezifischen Form des doppelten „S“ gezogen, wodurch Sie leicht ins Hohlkreuz geraten. Diese Haltung wirkt sich insbesondere auf die Bandscheiben aus, die dann aufgrund von Überbelastung und vorzeitigem Verschleiß Schmerzen verursachen können.

Gute Körperhaltung

Eine bequeme, gerade Sitzhaltung kann durch ein Sitzkissen oder eine Rückenstütze unterstützt werden. Auch ein Gymnastikball hat sich als rückenfreundliche Sitzmöglichkeit bewährt – auch in der Schwangerschaft. So entlasten Sie bestmöglich Ihre Wirbelsäule.

Richtige Trage- und Hebetechniken

Um Ihre Bandscheiben zu schonen, gehen Sie in die Knie und lassen den Rücken dabei gerade. Im Vornüberbeugen werden unsere Bandscheiben nämlich am stärksten strapaziert. Halten Sie beim Hochheben nicht den Atem an, um Ihren Beckenboden nicht zu stark zu belasten. Schwerere Gegenstände sollten Sie dicht am Körper hochheben oder sich bestenfalls beim Tragen helfen lassen.

Dynamisches Sitzen

Verharren Sie im Sitzen nie in einer Position! Ihr Rücken benötigt ausreichend Bewegung, um die Bandscheiben mit Flüssigkeit und Nährstoffen zu versorgen und die Muskulatur nicht einseitig zu fordern. Gleiches gilt übrigens auch für Frauen, die berufsbedingt viel und lange stehen oder sitzen. Sind Sie beispielsweise im Büro tätig oder arbeiten täglich lange am Computer, sollten Sie in jedem Falle die obligatorische Schreibtischhaltung vermeiden, die da wäre: Der Kopf in Richtung Bildschirm gestreckt, der Rücken zu einem Buckel geformt: Diese Position beansprucht Ihre Wirbelsäule und drückt Ihren Bauch zusammen. Linderung bei Rückenschmerzen verschafft hingegen ein rundes, flaches Gummikissen (Ballkissen), das in Sanitätsfachgeschäften erhältlich ist. Beim Sitzen heißt es damit: Balance halten. Somit kräftigen Sie mit diesem Hilfsmittel unter anderem die Tiefenmuskulatur des Rückens und verbessern die Stabilität des Rumpfes.

Medikamente gegen die Schmerzen?


Prinzipiell gilt der Grundsatz, in der Schwangerschaft so wenige Medikamente wie möglich einzunehmen und stattdessen auf nicht-medikamentöse Therapieoptionen zurückzugreifen. Ist die Arzneimitteleinnahme durch einen Arzt abgesegnet – zum Beispiel, wenn die Schmerzen stark sind oder die Schwangere schon lange damit zu tun hat – ist es wichtig, auf geeignete Medikamente zurückzugreifen und diese richtig zu dosieren.7 Während Frauen ein Kind erwarten, ist beispielsweise die Gabe von Paracetamol oder Ibuprofen möglich. In der Medizin ist jedoch aktuell strittig, ob Paracetamol negative Auswirkungen auf das Baby wie Asthma oder das Hyperaktivitätssyndrom haben kann.7 Ibuprofen kann bei einer fortgeschrittenen Schwangerschaft Einfluss auf das Kreislaufsystem des Kindes nehmen.7 Daher gilt: Bitte sprechen Sie vor der Einnahme von Schmerzmitteln immer mit Ihrem behandelnden Frauenarzt, auch, wenn sie die diese zum Teil rezeptfrei in der Apotheke kaufen können.

Arztbesuch: Nicht zögern!

Einen Arzt aufsuchen sollten Sie auch dann, wenn die Rückenschmerzen plötzlich auftreten, sie ungewöhnlich stark oder ständig vorhanden sind. Treten die Beschwerden beispielsweise in der Frühschwangerschaft auf, muss abgeklärt werden, ob es sich möglicherweise um eine Eileiterschwangerschaft handelt, bei der sich das Ei im Eileiter statt in der Gebärmutter eingenistet hat.

Der behandelnde Frauenarzt ist ein erster guter Ansprechpartner, der Sie bei Rückenschmerzen gegebenenfalls an einen Kollegen überweist, etwa einen Orthopäden oder Physiotherapeuten.

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Julia Lindert Die Ressortjournalistin Julia Lindert spezialisierte sich während ihres Studiums auf die Themenfelder Medizin und Biowissenschaften. Medizinische Sachverhalte in verständlicher Sprache zu formulieren, ist das, was sie an ihrer Arbeit besonders mag. Ihr Credo in Bezug auf Krankheitsbilder und Therapiemöglichkeiten: Nichts beschönigen, aber auch keine unnötigen Ängste schüren. Julia Lindert Medizinredakteurin kanyo® mehr erfahren
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