Die Behandlung der diabetischen Polyneuropathie

Es gibt noch kein Verfahren zur vollständigen Heilung einer Polyneuropathie. Deswegen fußt die Polyneuropathie-Behandlung auf drei Säulen:

  • das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen
  • die Schmerzen zu lindern
  • Komplikationen in den Griff zu bekommen und die Organfunktion wiederherzustellen

Für jeden dieser Punkte in der Polyneuropathie-Therapie gibt es spezifische Behandlungsverfahren und Medikamente.

Frau misst Blutzucker zur Therapie einer diabetischen Neuropathie

Verzögerung des Krankheitsfortschritts

Für eine wirksame Therapie der diabetischen Polyneuropathie ist es entscheidend, den Blutzuckerspiegel konstant im erwünschten Bereich zu halten. Nur so kann das Fortschreiten der diabetischen Neuropathie verhindert oder verzögert werden. In günstigen Fällen lassen sich damit sogar bereits vorhandene Symptome verbessern. Der Arzt wird den optimalen Blutzuckerwert für jeden Patienten individuell festlegen. Er ist abhängig von verschiedenen Faktoren, wie dem Alter des Patienten, wie lange er schon an Diabetes leidet, seinem allgemeinen Gesundheitszustand und dem Vorhandensein anderer Erkrankungen.

In der Polyneuropathie Behandlung werden folgende Blutzuckerwerte als Anhaltspunkte empfohlen:

  • 80-120 mg/dl für Menschen unter 60, die keine relevanten anderen Erkrankungen haben.
  • 100-140 mg/dl für Patienten, die 60 und älter sind oder andere Erkrankungen haben, wie Herz-, Lungen-oder Nierenerkrankungen.

Für eine erfolgreiche Therapie der Polyneuropathie ist die konsequente Mitarbeit des Patienten von ausschlaggebender Bedeutung. Deswegen sollten Patienten, die an diabetischer Polyneuropathie leiden, unbedingt folgende Ratschläge beachten:

  • Befolgen Sie die Empfehlungen Ihres Arztes zur Fußpflege.
  • Behalten Sie Ihren Blutzuckerspiegel im Auge.
  • Achten Sie auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung.
  • Treiben Sie ausreichend Sport.
  • Achten Sie auf Ihr Gewicht.
  • Rauchen Sie nicht.
  • Trinken Sie – wenn überhaupt – nur mäßig Alkohol.

Schmerzbekämpfung in der Polyneuropathie-Behandlung

Verschiedene Medikamente werden bei der Behandlung der Polyneuropathie zur Schmerzlinderung eingesetzt, aber nicht alle sind für jeden Patienten geeignet und viele haben Nebenwirkungen. Hier muss man Nutzen und Nachteile gegeneinander aufwiegen.

Als schmerzlindernde Medikamente bei Neuropathie kommen infrage:

  • Analgetika
    Polyneuropathiebedingte Schmerzen lassen sich durch die üblichen, rezeptfrei erhältlichen Schmerzmittel oft nur schwer in den Griff bekommen. Gelegentlich auftretende Beschwerden sprechen eventuell auf eine Therapie mit Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol an. Allerdings sollte sich der Patient vor Einnahme dieser Arzneimittel durch den Arzt beraten lassen.
  • Antidepressiva
    Die sogenannten trizyklischen Antidepressiva wie Amitryptylin, Desipramin oder Imipramin, die normalerweise bei Depressionen eingesetzt werden, können auch bei leichten bis moderaten neuropathischen Schmerzen hilfreich sein. Antidepressiva beseitigen den Schmerz nicht, machen ihn aber für die Betroffenen erträglicher. Die Wirkstoffe dieser Gruppe unterdrücken unter anderem die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Antidepressiva haben eine Reihe möglicher Nebenwirkungen, wie Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen, Probleme beim Wasserlassen, Gewichtszunahme und Verstopfung.
  • Antiepileptika (Antikonvulsiva)
    Diese Medikamente, wie zum Beispiel Gabapentin, Pregabalin und Carbamazepin, werden hauptsächlich bei Epilepsie gegen Krampfanfälle angewandt. Sie sind aber auch als Schmerzmedikamente bei Neuropathie verschreibungsfähig. Als Nebenwirkungen können Müdigkeit, Benommenheit und Schwindel auftreten. Bei der Behandlung einer Polyneuropathie mit Antikonvulsiva muss der Arzt besonders auf Veränderungen spezieller Blutwerte achten, weshalb regelmäßige Blutuntersuchungen notwendig sind.
  • Opioide
    Opioide sind starke Schmerzmittel, die allerdings zwei große Nachteile haben: Der Patient bildet eine Toleranz aus, das heißt, die Wirkung kann allmählich nachlassen, sodass die Dosis erhöht werden muss. Außerdem kann eine psychische Gewöhnung (Abhängigkeit) eintreten, deshalb muss der Arzt die Einnahme zu jeder Zeit streng überwachen.

 

Neben diesen Medikamenten gegen Neuropathie-Schmerzen gibt es auch eine Anzahl alternativer Methoden, um die Schmerzen zu lindern:

  • Capsicum-Pflaster und Cremes (aus Chili-Pfeffer)
  • Akupunktur
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
    Dabei trägt der Patient ein kleines Reizstromgerät, das mit der schmerzhaften Hautregion verbunden ist. Bei Bedarf werden elektrische Impulse gegeben, die die Hautnerven reizen und so dem Schmerz entgegenwirken.
  • Physikalische Therapie
    Zur Schmerztherapie bei Polyneuropathie dienen auch physikalische Behandlungen wie Krankengymnastik, Wechsel- und Bewegungsbäder, Elektrobehandlung gelähmter Muskeln sowie warme und kalte Wickel. Dadurch soll zusätzlich die Durchblutung verbessert, die geschwächten Muskeln gestärkt und die Mobilität so lang wie möglich aufrechterhalten werden.

Diese Methoden können allein oder zusätzlich zu den Neuropathie-Medikamenten angewandt werden, zum Beispiel, wenn die Dosis reduziert werden soll, weil Nebenwirkungen auftreten.

Komplikationen der inneren Organe in den Griff kriegen

Für viele Symptome, die durch die diabetische Polyneuropathie im autonomen Nervensystem entstehen, gibt es spezifische Behandlungsverfahren. Dazu gehören:

Maßnahmen bei Beschwerden des Harnsystems

Patienten, die unter Blasenschwäche leiden, sollten regelmäßig zur Toilette gehen (zum Beispiel alle drei Stunden). Dadurch kann der Betroffene den unkontrollierten Harndrang eindämmen. Außerdem wird so die Restharnmenge, die in der Harnblase verbleibt, geringgehalten, was die Gefahr einer Blaseninfektion reduziert.

Behandlung bei Problemen der Sexualität

Ursache für eine Potenzschwäche (erektile Dysfunktion) können sowohl der Diabetes mellitus als auch die Neuropathie-Medikamente sein – zum Beispiel Antidepressiva. Können diese Medikamente nicht abgesetzt werden oder bleiben die Beschwerden trotzdem bestehen, können Erektionshilfesysteme (Vakuumpumpe) oder Wirkstoffe wie Sildenafil (Viagra) helfen.
Gegen eine Trockenheit der Scheide gibt es spezielle Gleitmittel und Gele.

Tipp

Für betroffene Patienten gilt: Scheuen Sie sich nicht und sprechen Sie Ihren Arzt auf solche Probleme an! Für ihn ist es nichts ungewöhnliches, derartige Schwierigkeiten zu besprechen und zu behandeln – Sie müssen sich also nicht schämen. Je früher Ihnen geholfen werden kann, desto besser.

Verdauungsprobleme

Völlegefühl, Magenverstimmung, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung lassen sich durch häufige kleinere Mahlzeiten vermeiden. Die zusätzliche Einnahme von Metoclopramid oder Domperidon wirkt gegen Übelkeit. Gegen Verstopfungen helfen reichlich Flüssigkeit und eine ballaststoffreiche Nahrung. Außerdem sollte sich der Patient ausreichend bewegen. Bei akutem Durchfall kann der Arzt Loperamid und Clonidin verschreiben.

Niedriger Blutdruck beim Stehen

Ein häufiges Symptom der diabetischen Polyneuropathie ist es, dass der Blutdruck beim Stehen deutlich abfällt. Das lässt sich durch verschiedene Maßnahmen behandeln. Oft helfen schon Änderungen im alltäglichen Lebensstil, wie zum Beispiel der Verzicht auf Alkohol, ausreichendes Trinken von Wasser oder einfach langsam aufstehen und sich wieder hinsetzen. In anderen Fällen helfen physikalische Methoden wie eine Bauchbinde zur Kompression des Unterleibs und/oder Kompressionsstrümpfe. Es gibt auch mehrere Medikamente, um dieses Symptom zu behandeln.

Insgesamt betrachtet ist eine Heilung der Polyneuropathie zwar noch nicht möglich, dem Arzt und Patienten bieten sich aber vielfältige Möglichkeiten zur wirksamen Behandlung einer Polyneuropathie.