Diagnose der diabetischen Polyneuropathie – so geht‘s

Zur Diagnose einer Polyneuropathie stehen dem Arzt verschiedene Methoden zur Verfügung. Diese Screening-Verfahren ermöglichen es in einigen Fällen sogar, eine diabetische Neuropathie zu diagnostizieren, bevor überhaupt konkrete Symptome auftreten.
Arzt testet Reflexe am Knie zur Diagnose einer diabetischen Neuropathie

Zur Polyneuropathie-Diagnose zieht der Arzt vor allen Dingen drei Informationsquellen heran:

  • die Symptome des Patienten,
  • seine medizinische Vorgeschichte und
  • die Ergebnisse einer eingehenden

Während dieser Untersuchung zur Polyneuropathie-Diagnose misst der Arzt folgende Parameter:

  • die Muskelstärke und den Muskeltonus.
    Die Motorik untersucht der Arzt, indem er die Spreizfähigkeit der Zehen testet, den Widerstand bei Streckung (Zehengang) und Beugung (Krallen) der Zehen und Füße sowie den Fersengang.
  • die Sehnenreflexe
    vor allem die Achilles- und Kniesehnenreflexe
  • die Empfindlichkeit der Haut für Berührungen, Temperatur und Vibrationen
  • die Schmerzempfindlichkeit
    Liegen neuropathische Schmerzen vor, wird deren Intensität mithilfe einer Ratingskala von elf Punkten: 0 Punkte (= kein Schmerz) bis 10 (= maximal vorstellbarer Schmerz) erfasst.

Testverfahren zur Diagnose einer Polyneuropathie

Im Einzelnen werden folgende Screening-Verfahren zur Polyneuropathie-Diagnose verwendet:

  • Der Filament-Test
    Mit einem Mikrofilament, einer dünnen Nylonfaser, testet der Arzt die Berührungsempfindlichkeit des Patienten an verschiedenen Stellen der Haut.
  • Untersuchung der Nervenleitfähigkeit
    Bei diesem schmerzlosen Test misst der Arzt, wie schnell die Nerven in Armen und Beinen ein elektrisches Signal weiterleiten. Bei Nervenschäden, wie sie die diabetische Polyneuropathie verursacht, ist die Leitungsgeschwindigkeit der Nerven herabgesetzt.
  • Elektromyographie (EMG)
    Hier wird die elektrische Aktivität von Muskelfasern in Armen und Beinen gemessen und als sogenanntes Elektromyogramm aufgezeichnet.
  • Quantitativ sensorische Testung (QST)
    Die QST ist ein Untersuchungsverfahren, mit dem der Arzt die veränderte Hautsensibilität von Patienten mit diabetischer Polyneuropathie misst. Neuropathische Schmerzen lassen sich damit besser diagnostizieren als mit anderen Methoden.
  • Autonome Testung
    Probleme, die mit einer autonomen diabetischen Neuropathie verbunden sind, sind oft schwierig zu diagnostizieren. Zeigt ein Patient Symptome einer diabetischen autonomen Neuropathie, führt der Arzt zusätzliche Tests durch. Er wird zum Beispiel den Blutdruck des Patienten in verschiedenen Positionen oder seine Fähigkeit zu schwitzen, untersuchen. Hat der Patient Probleme mit dem Magen, wie Erbrechen oder Verdauungsstörungen, kann das auf eine diabetische Gastroparese Das ist eine Lähmung der Magenperistaltik, also der Magenbewegungen, die als Folge einer diabetischen Neuropathie auftreten kann.
  • Da Nervenprobleme bei Diabetikern auch andere Ursachen haben können (zum Beispiel Nierenerkrankungen), muss der Arzt auch noch Bluttests und verschiedene andere Tests durchführen, um diese Faktoren bei der Polyneuropathie-Diagnose auszuschließen.

Blutuntersuchung zur Polyneuropathie-Diagnose

Auch Blutuntersuchungen können im Rahmen der Diagnose Aufschluss darüber geben, ob ein Patient an einer Polyneuropathie leidet. Gemessen werden die Faktoren im Blut, die bekanntermaßen Ursache einer Nervenschädigung sein können, zum Beispiel:

  • Vitamin B12
    zur Diagnose eines Vitamin B12-Mangels.
  • Transaminasen
    können auf Alkoholmissbrauch hindeuten.
  • Blutzuckerspiegel
    zur Diagnose einer Diabetes-Erkrankung.

Liquoruntersuchung zur Diagnose einer Polyneuropathie

Der Liquor ist die Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt. Mithilfe einer Liquoruntersuchung kann der Arzt feststellen, ob Gehirn und Rückenmark von den Nervenschädigungen betroffen sind. In diesem Fall ist die Zusammensetzung des Liquors verändert. Außerdem können im Liquor infektiöse Auslöser von Nervenschädigungen nachgewiesen werden, wie Viren (zum Beispiel Herpesviren oder Varizella zoster, der Auslöser der Windpocken und der Gürtelrose) oder Bakterien (wie Borrelien).

Die frühe Polyneuropathie-Diagnose

In einigen Fällen kann der Arzt Screening-Verfahren anwenden, um eine Polyneuropathie zu diagnostizieren, noch bevor sie messbare Symptome verursacht. Es ist deshalb wichtig, dass der Patient dem Arzt alle Arten von Schmerzen, Schwächezeichen und motorischen Problemen schildert, die er an sich beobachtet. Erwähnen sollte er auch, wenn ihm in folgenden Bereichen Veränderungen auffallen:

  • in der Verdauung
  • beim Wasserlassen
  • beim Schwitzen
  • im Sexualbereich

oder wenn ihm auffällig oft schwindlig wird.

Der diabetische Fuß, ein frühes Zeichen einer Polyneuropathie

Da der diabetische Fuß eines der ersten Zeichen für eine diabetische Neuropathie ist, spielt er in der Polyneuropathie-Diagnose eine wichtige Rolle.

Tipp

Diabetikern wird dringend empfohlen, mindestens einmal im Jahr die Füße von einem Arzt untersuchen zu lassen.

Auffällige Veränderungen am Fuß sind:

  • eingerissene oder abgeschälte Haut
  • Hornhautschwielen
  • Blasen
  • Geschwüre
  • Fußdeformitäten (Hammerzehen, Krallenzehen)
  • übermäßiges oder vermindertes Schwitzen
  • Zeichen von bakteriellen und/oder Pilz-Infektionen
  • Knochen- und Gelenkveränderungen
  • Störungen in der Sensitivität
  • Störungen beim Gehen und beim Gleichgewicht

Besonders sollte man dabei auf akute Veränderungen an Haut, Weichteilen und Gelenken achten, denn das sind charakteristische Symptome für eine schwere diabetische Neuropathie. Auffällig sind auch Veränderungen an häufig genutzten Schuhen und Sohlen:

  • Veränderungen am Ober- und Futtermaterial,
  • übermäßige Abnutzung der Laufsohlen,
  • Wundsekret auf der Einlage,
  • ungleichmäßige Ermüdung des Polstermaterials

Leiden Sie unter einer Diabetes-Erkrankung ist es daher zu empfehlen, regelmäßig sowohl die Gliedmaßen als auch die Schuhe auf untypische Merkmale zu überprüfen – das kann Ihnen nicht nur ein beruhigtes Gefühl verschaffen, sondern auch entscheidend zum frühzeitigen Erkennen einer Polyneuropathie beitragen.

Kellerer, M, Siege E (Hrsg.) Diabetologie und Stoffwechsel Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Thieme, Stuttgart 2014.
http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Praxisleitlinien/2014/DuS_S2-14_DDG_S100-S110_Diabetische-Neuropathie.pdf